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NOIZZ.de wird Ende 2020 abgestellt: Ein Rückblick

Eine der legendären NOIZZ-Partys in Berlin

“Bei NOIZZ ist jeden Tag Weihnachten!”, antwortete ich einer jungen Reporterin, die einmal unsere Redaktion besuchte und fragte, warum dort Anfang November ein kleiner Plastik-Weihnachtsbaum stehe. Er war behangen mit trashigen Christbaumkugeln à la Cheeseburger, Pommes-Tüte, Lippenstift, Diskokugel – und mit fünf glitzernden Großbuchstaben: N, O, I, Z und Z. 

Jenen kleinen Weihnachtsbaum wird es 2021 nicht mehr geben. Nach Neujahr ist Schluss. NOIZZ, unser geliebtes Millennial-Magazin, wird am 1. Januar nach fast vier Jahren dicht gemacht. Die Hauptgründe lauten offiziell wie folgt:

“Die Marke NOIZZ hat in Deutschland Dank des großartigen Engagements des NOIZZ-Teams um Editorial Director Manuel Lorenz viele junge Leserinnen und Leser seit fast vier Jahren mit einem einzigartigen Themenangebot begeistert. Trotz dieses publizistischen Erfolgs haben wir uns bei BILD entschieden, junge Zielgruppen noch stärker direkt an die Marke BILD zu binden und uns bei den Content-Verticals auf die Weiterentwicklung der erfolgreichen BOOKS-Familie zu fokussieren. Leider hat es NOIZZ.de zuletzt auch an einer guten wirtschaftlichen Perspektive gefehlt. Daher wird das deutschsprachige Angebot von NOIZZ zum 30. Dezember 2020 eingestellt.”

Jeder Tag Weihnachten. Jeder Tag ein Fest – eine Party. Nicht, weil wir nur feierten, anstatt redlich zu arbeiten. Das hätte gar nicht funktioniert: Dazu war unser Team viel zu klein. Im Gegenteil: Wie das Millennial-Klischee es so will, arbeiteten wir uns den Hintern ab, hauten ein Ding nach dem andern raus, blieben oft viel zu lang im Laden, um den Artikeln und Videos, die uns besonders am Herzen lagen, ihren Feinschliff zu verpassen. 

Jeder Tag auch deshalb eine Party, weil die Arbeit uns immer Spaß machte – und auch unbedingt Spaß machen sollte! Ein Imperativ, dem gemeinhin gar nicht so leicht ist, Folge zu leisten. Gute Laune kann man nicht ver- bzw. vorschreiben – es sei denn, man bemüht gewisse Substanzen. Die brauchten wir dazu aber nicht. In unseren Redaktionskonferenzen wechselten sich zuverlässig ernsthafte, hitzige Diskussionen mit plötzlichem, lautstarkem Gelächter ab. Wir waren ein Haufen Gleichgesinnter, der den Club nicht betrat, um schüchtern rumzustehen und in seinem Drink rumzustochern, sondern um die Tanzfläche zu stürmen und dort ordentlich Lärm zu machen. 

Und dann ging’s Tag um Tag an die iMacs. Motiviert, neugierig und streitlustig. Mit dem Ziel, die Welt da draußen aufzumischen, zu unterhalten und zu informieren.

Das Ergebnis: Wir haben mehr als 19.000 Artikel geschrieben, und ihr habt zusammengerechnet über 220 Jahre mit uns verbracht – das Schauen unserer Videos noch nicht mitgerechnet. Rund 140 Millionen Mal seid ihr auf NOIZZ.de gegangen. Ihr, das waren insgesamt mehr als 36 Millionen User*innen.  

Der Anfang

Diese Zahlen freuen uns vor allem deshalb, weil der Anfang ziemlich holprig war. NOIZZ zu der Medienmarke zu machen, die sie heute ist, war unter den speziellen Startbedingungen eine Riesen-Herausforderung. Die ersten anderthalb Jahre war NOIZZ nämlich eine Ausbildungsstation der Volontär*innen der Axel Springer Akademie. Alle drei Monate rückte ein neues (halbes) Team an, immer sechs bis acht Jungspunde. Sie waren verschiedensten Redaktionen zugeordnet, vom Wirtschafts- und Finanzressort der “Welt” über das Sportressort der “BILD” hin zum “ARTE”-Magazin. Und jetzt sollten sie glaubhaft über Sneaker schreiben, Rapper*innen interviewen und den neuen Starbucks-Frappuccino rezensieren. Nur, um dann, kaum angekommen, der nächsten Mannschaft Platz zu machen. 

Ein Drahtseilakt, der uns erstaunlich gut gelang: Unser halbstündiges Facebook-Live-Video zum Fun-Food-Ereignis des Jahrzehnts – Dr. Oetkers Schoko-Pizza – erreichte fast eine halbe Million Zuschauer*innen, unser darauf bezogener Aprilscherz wurde zum erfolgreichsten des deutschen Social-Web. Mit unserem Rant gegen das Levi’s-Logo-T-Shirt, das uns einfach zu viele Leute trugen, lösten wir im Sommer eine Debatte aus, die es bis in die “Süddeutsche Zeitung” und die “F.A.Z.” schaffte. Der Artikel wurde bei Facebook mehr als 140.000 Mal geteilt; der letztes Jahr viel zu früh verstorbene “Dandy Diary”-Mitbegründer und Modeblogger Carl Jakob Haupt verteidigte das Kleidungsstück daraufhin auf NOIZZ. 

Zur Bundestagswahl 2017 veröffentlichten wir die erste politische Reality-Soap “Partei – Tag & Nacht” und ließen Politiker*innen um die Wette Joints bauen, Fidget-Spinner auf der Nase balancieren und Chilischoten essen. Insgesamt sahen dabei beinahe eine Million Menschen zu. Wir stellten in zig Hochglanz-Videos Berliner Food-Trends samt Locations vor und zeichneten unsere Lieblings-Cafés und -Buden mit “NOIZZ Best”-Stickern aus. Unser dreiteiliges Video-Interview mit Rapper und “4 Blocks”-Schauspieler Massiv, das über eine Million Mal angeschaut wurde, thematisierte schon vor vielen anderen Medien Clan-Kriminalität und deutsche Qualitäts-TV-Serien. 

Wir gaben eine groß angelegte Studie zur Generation C bzw. den Millennials raus und präsentierten das Ergebnis auf der Online-Marketing-Rockstars-Festival. Wir veranstalteten rauschhafte Partys mit so unterschiedlichen Headlinern wie dem Ex-Cro-DJ Psaiko.Dino und dem einstigen Bar-25-Resident Nico Stojan. Gemeinsam mit der Berliner Graffiti-Legende Bas2 von der GHS-Crew gestalteten wir eigene NOIZZ-Sneaker. 

Dass Deutschlands Chef-Satiriker Jan Böhmermann in seinem übermotivierten Verriss des “Spiegel Online”-Jugendportals “bento” auch NOIZZ erwähnte, hefteten wir uns wie einen Orden an die Brust und freuten uns, in der Folge von Formaten wie Klaas Heufer-Umlaufs “Late Night Berlin” als News-Quelle zitiert zu werden.  

Das Team

Im Sommer 2018 dann der Cut: Wir entschieden uns dazu, ernst zu machen und ein festes NOIZZ-Team aufzubauen. Wir stellten zwei feste Redakteurinnen ein und engagierten eine Reihe freier Mitarbeiter*innen, Werkstudent*innen sowie Praktikant*innen. Später verstärkten wir uns noch Business-seitig.

Das erlaubte uns, mehr und mehr zu uns zu finden. Glaubwürdiger zu werden. Authentischer. Jeder Text, den wir schrieben, jedes Video, das wir drehten, jeder Post, den wir absetzten war von nun an zu 100 Prozent NOIZZ. Wir schalteten in den sechsten Gang. 

Wir führten Interview mit Entertainment- und Musikgrößen wie Mark Hamill, Chewbacca, Rami Malek, Emilia Clarke, Milli Bobby Brown, Lupita Nyong’o, Jim Carrey, Jack Black, Karen Gillan, Jonah Hill, Dwayne “The Rock” Johnson, Viggo Mortensen, Jason Derulo, Amine, Jessica Reyez, Luis Fonsi, Ty Dolla $ign und Trippie Red. Auch deutsche Unterhalter*innen waren dabei – von Tokio Hotel, Capital Bra und Joy Denalane über Elyas M’Barek, Frederick Lau, Palina Rojinski, Fahri Yardim, Jasna Fritzi Bauer und Paula Beer hin zu Alman Memes. Wir hatten sie vielleicht nicht alle – Billie Eilish ist uns leider in letzter Sekunde durch die Lappen gegangen –, aber wir hatten verdammt viele.  

Wir präsentierten Touren von kleinen, feinen Musiker*innen und Bands wie Sofi Tukker, Kex Kuhl, Madeline Juno und Alyona Alyona, hosteten Musikvideo-Premieren, streamten exklusiv Straßen-Gigs und Rap-Contests. Wir bekamen haufenweise Promo-Quatsch geschickt, der nichts wert war, den wir aber dennoch wie Trophäen in unserer Redaktion aufbahrten.

Gewichtigere Themen kamen hinzu: Wir richteten einen Mental-Health-Monat aus, nahmen die LGBTQ-Community in den Blick, widmeten uns vermehrt Rassismus, Sexismus sowie Antisemitismus und jeglicher Art von Diskriminierung. In unserer aufwendig produzierten Video-Reihe “Identity” sprachen wir mit bekannten Menschen wie der Rapperin Ebow und der Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli über ihren Kampf um die eigene Identität und erlangten damit mehr als eine halbe Million Klicks. Wir starteten die Aktion #ByeByeBöller gegen private Silvester-Knallerei und gewannen dafür prominente Testimonials wie Capital Bra und Alman Memes. 

Über 40 Folgen lang sprachen wir in unserem “Tattoo Talk” mit den herausstechendsten Tätowierer*innen des Landes über ihre Tätigkeit und ihr Leben. 30 Folgen lang prangerten wir in der Kolumne “Fem as Fuck” das Patriarchat an. 73 Folgen lang beantworteten wir euch eure “Sex-Fragen”, 78 Folgen lang berichtete Julie Schmidt in “Sex vor Neun” aus ihrem Liebes- und vor allem Sex-Leben – so unverblümt wie niemand sonst in Deutschland. Diesen Herbst wurde daraus der Roman “To all the boys I’ve fucked before” – das erste NOIZZ-Buch, wenn man so will.

Das Ende

Wir sind nicht das erste Millennial-Portal, das im schicksalsträchtigen Corona-Jahr 2020 stirbt. BuzzFeed Deutschland sprang dem Medientod noch mal von der Schippe. Im April verkündete die Marke, dass sie zum Verkauf stünde, vier Monate später schlug Ippen Digital zu. Nicht so gut erging es “ze.tt”: Im Juni entschied der Zeit-Verlag, sein Jugendmagazin als Ressort bei “Zeit Online” zu integrieren. Kurz darauf, im Herbst, stellte der “Spiegel” “bento” ein und ersetzte es durch “Spiegel Start”. Und selbst bei “Vice” war es “eher turbulent”, wie der Chefredakteur zuletzt auf “Meedia” verlauten ließ. Bereits 2019 sollen international 250 Mitarbeiter*innen entlassen worden sein, 2020 weitere 155. Der deutsche Ableger des Kult-Magazins soll nicht davon betroffen gewesen sein. Kurzarbeit gab es im Sommer dennoch.

Trotz all dieser Vorzeichen hätten wir nie gedacht, dass es uns als nächstes erwischt. Wir dachten: Wir werden überleben.

Wir haben uns geirrt. 

Wir, das sind die Übriggebliebenen. Sezai, Sabine, Luisa, Silvi, Juliane, Till, Laura, Kathi, Alisha, Käthe, Lisa und ich. Und Shawn, du sollst nicht unerwähnt bleiben, auch wenn du kurz vor Schluss gegangen bist. (Bei der Gelegenheit auch noch ein Shout-out an unsere Praktikantin Alex und unseren Kurzzeit-Volo Chris, die beide mitten in der Doppelapokalypse “Corona meets NOIZZ-Untergang” zu uns kamen.)

Es tut uns für uns Leid, aber auch für euch: die NOIZZ-User*innen. Wir würden euch so gerne weiterhin tagtäglich unseren Mix aus Wokeness und Hedonismus servieren. Weil wir glauben, dass wir zuletzt das einzige deutsche Magazin gewesen sind, dem der Spagat zwischen diesen beiden mutmaßlichen Antipoden wirklich geglückt ist. Nicht nur NOIZZ wird uns fehlen, sondern auch ihr: unsere Community. Die wir versucht haben, jeden Tag von Neuem zu überraschen, zum Lachen und zum Weinen zu bringen, darüber zu informieren, was in der Welt, die junge Menschen in deutschen Großstädten bewegt, wichtig ist. Wir glauben, das ist uns immer wieder gut gelungen. 

2020. Was für ein Jahr. Die Krönung für uns: Das Ende von NOIZZ.

Aber wie heißt es so schön in Umkehrung des berühmten Hermann-Hesse-Spruchs: Jedem Ende wohnt ein Zauber inne … 

tl;dr: Macht’s gut. Es war immer schön mit euch. 

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