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Gott ist tot, seine Wunder bleiben: Nachruf auf Diego Maradona

Diego Maradona gewinnt mit Argentinien die Fußball-WM 1986 in Mexiko; Foto: Wikimedia Commons

(Dieser Artikel erschien am 26. November 2020 auf NOIZZ.de)

Die Frau im Fernsehen zog ihr Argentinien-Trikot hoch und entblößte ihre großen, vollen Brüste – die ersten Brüste, an die ich mich erinnern kann. Ich war acht, und wir schauten gemeinsam als Familie die Vorberichterstattung zum WM-Finale Deutschland gegen Argentinien, das im Sommer 1990 in Rom stattfand. Ich weiß nicht, warum, aber in meiner Erinnerung fand das Spiel zu Silvester statt. Vielleicht, weil wir normalerweise nur zum Jahreswechsel so lang aufbleiben durften.

Die Argentinierin und ihre großen, vollen Brüste. Ich weiß noch, wie mein Vater peinlich berührt versuchte, abzulenken, indem irgendetwas sagte wie “Die Argentinierinnen sind so verrückt nach Maradona, dass sie sich sogar für ihn ausziehen”. Im weiteren Verlauf des Abends interessierte ich mich wenig für die Argentinierin und den Argentinier. Stattdessen sprang ich vom Sofa auf, als Andi Brehme wenige Minuten vor Schluss den Elfmeter zum 1:0 reinmachte und Deutschland so zum Weltmeister schoss.

Dennoch blieben sowohl die Argentinierin als auch der Argentinier bei mir hängen. Es war “meine” erste Fußball-WM – und das erste Mal, dass ich den Namen jenes Fußballgotts vernommen hatte: Diego Armando Maradona. Am Mittwoch ist er im Alter von 60 Jahren in Tigre bei Buenos Aires gestorben. 

Der Weltmeister. Serienmeister. UEFA-Cup-Sieger. Doping-Sünder. Gescheiterte TV-Moderator. Koks-Junkie. Zu viel für ein Leben, steht jetzt in fast jedem Nachruf. 

In den Jahren nach jener WM-Nacht kamen noch weitere Götter hinzu, die so ähnlich hießen wie er: Im Italienurlaub begegnete ich in Museen und Kathedralen einer Heerschar von Madonnen, die – schon wieder! – ihre Brust entblößten, um dem Messias Milch zu spenden, und auf MTV sang eine Frau, die ebenfalls Madonna hieß, etwas von Gebeten und Engeln, küsste in einer Kirche eine Heiligenstatue wach, nur um sich im nächsten Moment die Stigmata selbst zuzufügen und zur Erlöserin zu werden. Madonna, Maradona, Götter, Gebete – lange brachte ich das oft durcheinander. Hieß jetzt der Fußballspieler Madonna und die Sängerin Maradona, oder war es andersrum? Irgendwann wusste ich es. Auch, dass die beiden für manche Menschen genauso heilig oder göttlich waren wie für andere Jesus, Maria und Josef. 

Letzteres wurde mir bewusst, als ich vor 15 Jahren zum ersten Mal in Neapel war. Die “Kloake Italiens”, wie Fußball-Fans aus dem reichen Norden bei Spielen gegen den SSC Napoli im Stadio San Paolo skandierten. Sieben Jahre lang war Maradona bei jenem Verein, für den er drei bis heute unwiederholte Wunder vollbringen sollte: 1987 und 1990 führte er Neapel zu den einzigen Meisterschaften der Vereinsgeschichte, 1989 gewinnt er den UEFA-Pokal. Sein Wirken im Schatten des Vesuvs macht die “Hand Gottes”, wie er seit seinem mit der Hand erzielten Tor in einem WM-Spiel 1986 genannt wird, unsterblich. 

Die Neapolitaner*innen vergöttern ihn. Eine Krankenschwester soll eine Blutprobe von ihm gestohlen und in eine Kirche gebracht haben. Heiligenblut hat in der Stadt Tradition. Dreimal im Jahr wird das Blut des San Gennaro, das in Ampullen aufbewahrt wird, wundersamerweise flüssig. Das Volk applaudiert – wie bei einem der 188 Tore, die Maradona für die “Azzurri”, die Himmelblauen, geschossen hat.

Damals, bei meinem ersten Neapel-Besuch, wohnte ich in einer schäbigen Straße in der Nähe des Hauptbahnhofs bei einer Freundin. Sie war eine verflossene Liebschaft, und ich wollte ihr Herz erneut für mich gewinnen. Aber das befand sich mittlerweile woanders, ein viel älterer Franzose hatte meinen Platz eingenommen – dagegen konnte selbst der Heilige Maradona nichts ausrichten, dem die Nachbarschaft ein paar Hausnummern weiter einen Schrein errichtet hatte.

Statt auf meine Gastgeberin konzentrierte ich mich also auf die Stadt – und eh ich mich versah, war ich neu verliebt. Die Archaik, der Dreck, die Authentizität. Die Teenager, die zu dritt und ohne Helm auf einem Motorino durch die schmalen Gassen jagten. Die als Camorra-Viertel verschrienen Quartieri Spagnoli, in denen ich mich in der Gegenwart von Locals selbst nachts gefahrlos bewegen konnte. Die urtümlichen, spottgünstigen Trattorien mit ihren durchgeknallten Kellnern. Das frittierte Essen, der starke Kaffee. Die Sonne, das Meer. Der Vesuv. Pompei, Ercolano, Ischia, Capri. Die Kunst und Kultur, die von lange vergangener Größe mit europäischer Strahlkraft zeugt. Und überall dieser Diego Maradona. Ich konnte verstehen, warum er sich in der Hafenstadt so pudelwohl gefühlt hatte.

Er wird es nicht schwer gehabt haben, sich das Kokain zu besorgen, das ihn, wie er einmal sagte, sich “wie Superman” fühlen ließ. Die halbe Woche zieht er um die Häuser, am Wochenende schwitzt er sich das Feiern beim Toreschießen aus dem Leib. Die Fans wissen von seinem Lebenswandel – aber welcher Heilige ist schon ohne Sünde? Er orientiert sich eher am lebensfrohen Mönch, der alle Fünfe gerade sein lässt und sich mit den Dämonen lieber verbrüdert, als sie durch Fasten zu bekämpfen wie ein asketischer Einsiedler.

Als bei einem Doping-Test Kokain-Rückstände in Maradonas Blut entdeckt werden, verlässt ihn seine Superkraft. Die Staatsanwaltschaft unterlässt es zwar – trotz ausreichender Beweise – den gefallenen Engel festzunehmen – anscheinend aus Angst vor den Neapel-Fans; der Argentinier flieht aber trotzdem in seine Heimat. Später kommt raus, dass Maradona Kontakte zur Camorra hatte, und ein enger Vertrauter wirft ihm vor, ihn zum Kokainschmuggel angeleitet zu haben. 

Als ich Neapel viele Jahre später einen zweiten Besuch abstattete – mein letzter großer Urlaub vor Corona –, lag das alles wie ein Firnis auf dem Heiligenschein des heimlichen Stadtpatrons, der mittlerweile durch weitere Skandale von sich Reden gemacht hatte: Alkoholismus, Fettleibigkeit und Parteinahme für autoritäre Staaten und Autokraten. Natürlich wurde mit der Fußball-Legende immer noch Geld gemacht, wo es ging. Die Maradona-Schreine hingen noch, und unter den Myriaden von Krippen-Figuren in der Via San Gregorio Armeno befanden sich nicht nur die Heilige Familie, Elvis, Che Guevara und Bud Spencer, sondern immer noch auch der “Goldknabe” – “El Pibe de Oro”, wie der junge Diego genannt wurde. 

Aber Maradona stand nicht mehr allein auf dem Olymp. Er war nur noch eine Figur von vielen, eine Fußballgestalt unter anderen. Es gab zig Spieler des SSC Neapel in ihren hellblauen Trikots mit dem roten Lete-Logo, dem Hauptsponsor der “Partenopei”. Und natürlich durften die neuen Fußballgötter Cristiano Ronaldo und Messi nicht fehlen, auch wenn sie – im Falle des Ersteren – das Trikot des Erzrivalen Juve trugen. Sie waren größer und auffälliger aufgestellt als der angestaubte Maradona. Götter kommen, Götter gehen, selbst wenn sie einst ein Jahrhunderttor schossen. 

Vor der Café-Bar Nilo in Spaccanapoli, jenem engen, kerzengeraden und vor allem touristischen Straßenzug, der die historische Altstadt durchquert, vor jener Institution also des Maradona-Kults mit seinen neapolitanisch-kitschigen Memorabilia: tote Hose. Es war an jenem Spätsommertag so wenig los, dass ich selbst keine Lust hatte, bei Antonio Alcidi, wie der Inhaber laut Reiseführer heißt, einen Espresso macchiato zu trinken, um dafür ein paar Fotos zu schießen.

Ich machte zwar zwei Schritte in den Laden rein, warf rechts einen Blick auf den Schrein, der den Fußballspieler neben all die anderen Stadtheiligen stellte – Padre Pio, San Gennaro, San Ciro, San Giuseppe Moscati sowie die Madonna vom Rosenkranz –, sah seine Reliquien – eine wundersame Locke und eine Träne –, ein Poster mit der Überschrift “Die Schöpfung des Fußballs”, auf dem Michelangelos Zeus-hafter Gott dem Maradona-Adam Fußball-Leben einhaucht. Dann beeilte ich mich, wieder rauszugehen, bevor der Barista mich ansprechen konnte.

Maradona und Neapel – Maradona und die Welt. War er am Ende wirklich noch ein Fußballgott? Er selbst bearbeitete unermüdlich das Podest, auf dem er stand, mit Spitzhacken und Vorschlaghämmern. Den Rest besorgten die Konkurrenten und die Zeit. Seit den 80ern sind viele Jahrzehnte ins Land gegangen. Der Fußball hat sich komplett verändert. Mensch-Maschinen wie Cristiano Ronaldo sind erstanden und klettern unbeirrt gen Unsterblichkeit.

„War der wirklich so gut?“, fragen uns die 8-Jährigen von heute. So wie sie uns irgendwann fragen, ob es wirklich einen Gott gibt und Wunder und ein Leben nach dem Tod. 

Auf große Fragen gibt es keine kleinen Antworten. Sicher ist, dass Maradona einer der besten Fußballer seiner Zeit und ein bemerkenswerter Mensch war. Und dass viele ihn wie einen Heiligen verehrten. Ob es einen Gott gibt? Wunder? Ein Leben nach dem Tod? Ob Maradona als Heiliger in den Himmel kommt oder als Sünder in die Hölle? Die Antworten darauf wird nur er selbst geben können. Uns Zurückgebliebenen bleibt nichts anderes übrig, als uns immer und immer wieder anzuschauen, was er hier auf Erden getan hat, und darüber zu staunen.

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