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Das „Ultimate Sneaker Book“ erzählt Turnschuh-Geschichten – und erinnert mich an meine eigenen

Der Adidas Superstar – einer der beliebtesten Sneaker überhaupt; Foto: Eddie Palmore / Unsplash

(Dieser Text erschien am 11. November 2020 auf NOIZZ.de)

Vor einem Jahr veröffentlichte der Taschen Verlag den Prachtband „The Ultimate Sneaker Book“. Darin erzählt der Australier Simon Wood nicht nur, wie er 2002 das erste internationale Sneaker-Magazin namens „Sneaker Freaker“ gründete, sondern auch wie es der Turnschuh in die Mitte der Gesellschaft schaffte. Ich hab mir das Mammut-Buch für euch angeschaut und erzähle dabei meine eigenen, ganz persönlichen Sneaker-Geschichten.

Meine erste, große Turnschuh-Liebe findet im „Ultimate Sneaker Book“ nicht statt – jenem 672-seitigen Hohelied des Treters, das der Taschen-Verlag vergangenes Jahr veröffentlicht hat. Es war 1990, ich war neun Jahre alt, und sie hatte den langen, schillernden Namen L.A. Gear Michael Jackson Billie Jean. 

L.A. Gear war in den Achtzigern eine der erfolgreichsten Turnschuhmarken – vor ihr lagen nur Nike und Reebok. Alle trugen sie: Basketball-Stars wie Kareem Abdul-Jabbar, Karl Malone und Hakeem Olajuwon sowie Football-Legende Joe Montana und Eishockey-Gott Wayne Gretzky.

Das reichte L.A. Gear aber nicht. Auch Michael Jackson sollte sie tragen. Dafür bekam er – der Deal belief sich auf zwei Jahre – 20 Millionen Dollar. Eine riesige Summe, wenn man bedenkt, dass Michael Jordan für seinen sieben Jahre lang laufenden Air-Jordan-Deal von Nike „nur“ 18 Millionen Dollar bekam. (Und tatsächlich waren die Schuhe als Air-Jordan- und Reebok-Pump-Konkurrenz gedacht.) Bloß, Michael Jackson kam seiner Pflicht nicht nach, trug die Schuhe nie, und so wurden sie zum Flop. Aber von alledem wusste ich nichts, als ich sie im Kaufhaus sah. 

Es war auch noch die Zeit der Unschuld – es hatte noch keines der Kinder den King of Pop des sexuellen Missbrauchs beschuldigt. Kinder wie ich: Michael-Jackson-Fans. Ich wollte wie er im Video zu „Bad“ in Lederjacke durch Parkhäuser rennen, „West Side Story“-mäßig Bandenkrieg spielen, sprühen, breakdancen, rappen, moonwalken, mich ruckhaft auf die Zehenspitzen stellen, mir in den Schritt greifen und „Au!“ schreien. 

Das Einzige, was mir dazu fehlte, so dachte ich, waren die Michael-Jackson-Sneaker. Knöchelhoch, aus schwarzem Leder, mit silbernen Nieten, Stickereien und Schnallen. Eine Rock-Star-Jacke für die Füße. Heute sehen sie für mich trashig aus, damals empfand ich sie als rebellisch.

Was meine Eltern über sie dachten, weiß ich nicht. Vielleicht hatten sie Angst, dass ich ein Hells Angel würde, wenn sie mir die provokanten L.A. Gear kaufen, vielleicht fanden sie die Turnschuhe, die rund 80 Mark gekostet haben müssen, für einen Neunjährigen auch einfach zu teuer. Jedenfalls bekam ich die Billie-Jean-Treter nicht, und so blieb meine erste Sneaker-Liebe unerfüllt.

Das „Ultimate Sneaker Book“ ist eine Bibel

Dieser kurze Ausflug in meine persönliche Sneaker-Historie zeigt, was das „Ultimate Sneaker Book“ nicht ist: ein Sneaker-Lexikon. Denn auch wenn darin laut Stichwortverzeichnis mehr als 2000 Modelle vorkommen, geht es dem Buch erst einmal darum, die Geschichte von „Sneaker Freaker“ zu erzählen, dem ältesten internationalen Turnschuh-Magazin der Welt.

Das Cover der ersten "Sneaker Freaker"-Ausgabe – auf eBay werden die wenigen Exemplare, die es davon noch gibt, immer mal wieder für 200 bis 300 Dollar gehandelt
Das Cover der ersten „Sneaker Freaker“-Ausgabe – auf eBay werden die wenigen Exemplare, die es davon noch gibt, immer mal wieder für 200 bis 300 Dollar gehandelt; Foto: Sneaker Freaker
Das Cover der aktuellen, 43. "Sneaker Freaker"-Ausgabe – in Deutschland kostet sie 5 Euro
Das Cover der aktuellen, 43. „Sneaker Freaker“-Ausgabe – in Deutschland kostet sie 5 Euro; Foto: Sneaker Freaker

Dass dabei der Eindruck entsteht, es handele sich um eine Enzyklopädie, liegt schlicht daran, dass die Zeitschrift innerhalb der 18 Jahre, die seit ihrer Gründung vergangen sind, nichts ausgelassen hat, was Sneaker-kulturell von Bedeutung war – vom Adidas AdiZero Primeknit bis zur Zara-Adaption des „Dad Shoe“-Hypes, den Kanye West 2007 mit seinem Yeezy Wave Runner 700 antizipierte (um nur mal einen der ersten und letzten Einträge des alphabetischen Registers zu nennen).

Vielmehr ist das „Ultimate Sneaker Book“ eine Bibel. Es steht zwar nicht alles drin, was es gibt, aber alles, was drin steht, behauptet, wahr zu sein. Dieser Anspruch wird durch das opulente Format des Buchs – es wiegt mehr als drei Kilo – und seine edle Aufmachung unterstrichen. „Nehmet und traget. Dies ist sein Schuh. Er wird euch erquicken“, scheint der Begleittext des Schutzumschlags zu sein, der goldfarben schimmert wie ein Reliquienschrein, der einen rot-weißen Air Jordan 1 enthält, für viele der Sneaker überhaupt – Sneaker-Freaks sprechen von einem „Holy Grail“, also vom Heiligen Gral.

(Der Bibel-Vergleich ist übrigens auch deshalb stimmig, weil „Bibel“ übersetzt so viel wie „Büchersammlung“ heißt und das „Ultimate Sneaker Book“ quasi das Wichtigste und Beste aus unzähligen „Sneaker Freaker“-Ausgaben versammelt.)

"The Ultimate Sneaker Book" vom Taschen Verlag: kein Lexikon, sondern eine Bibel
„The Ultimate Sneaker Book“ vom Taschen Verlag: kein Lexikon, sondern eine Bibel; Foto: Taschen Verlag

Skate-Schuhe im „Ultimate Sneaker Book“: Nur im Blockbuster-Format

Eine Sneaker-Bibel also, in der ich so gut wie nicht vorkomme. Ich hab mich wohl meistens auf Abwegen bewegt, abseits der offiziellen Heilslehre. Soll heißen: Mit zwölf fing ich mit dem Skaten an. Und die Skate-(Schuh-)Kultur bespricht das „Ultimate Sneaker Book“ nur im Blockbuster-Format vor. In einem Kapitel geht es um Vans, in einem zweiten um Vision Street Wear, in einem dritten um Nikes Modellreihe SB und in einem vierten Kapitel geht es um Airwalk – und da, ja!, endlich!, gibt es ein Bild vom The One, den ich in Grün-Hellbraun hatte. 

Aber dann, wir schreiben das Jahr ’94, ist es mit mir und dem Buch wieder vorbei. Kein Wort von meinen dunkelgrünen Nike Air Pound, obwohl die Orlando-Magic-Legende Penny Hardaway in ihnen spielte und sie sogar für Foot Locker bewarb.

Kein Wort von meinen Hook-Ups Special Police, ebenfalls aus dunkelgrünem Wildleder, auf der Seite ein japanisches Zeichen: das Katakana su. Die großbusige, knapp bekleidete Manga-Polizistin auf dem Schuhkarton wird mitverantwortlich dafür gewesen sein, dass ich als sexualkundiger Teenie meine Eltern bekniete, mir die 160-Mark-Treter zu kaufen. Sie nahmen in ihrer ikonographischen Exotik den J- und K-Popkultur-Boom vorweg, der spätestens seit den 2010ern mit ihrer Faszination für Mangas, Animes, Cosplay und Boygroups wie BTS und Monsta X auch hierzulande spürbar war. 

Gezeichnet hatte die Bilder, die heute als sexistisch bezeichnet würden, übrigens kein Japaner, sondern der Skate-Profi Jeremy Klein. Er gründete 1993 die Kult-Skate-Marke Hook-Ups, die außer Rollbrettern eben auch noch T-Shirts und Schuhe produzierte. Davon hatte ich damals natürlich keine Ahnung. Und selbst als „mein“ Special-Police-Sneaker 2015 eine Quasi-Neuauflage erfuhr, bekam ich das nicht mit.

Der „Holy Grail“ meiner jugendlichen Turnschuh-Geschichte

1995, ich bin 14 Jahre alt, trage ich den MC Rap von Etnies. Ein Skate-Schuh, der aussieht wie ein Basketballstiefel. Mit dem man auf einer Hip-Hop-Jam zwischen Sprayern, Breakern, DJs und Rappern eine genauso gute Figur macht wie beim Drop-in auf der Quarterpipe. Das Lifestyle-Magazin „Complex“ zählt ihn zu den 90 großartigsten Sneakern der Neunziger und nennt ihn „einen der meist verehrten Skate-Sneaker aller Zeiten“.

Mit seinen roten, weißen und schwarzen Elementen sieht er fast so aus wie eine flache, gestauchte, bullige Version des Air Jordan 1, den der Schutzumschlag des „Ultimate Sneaker Books“ zeigt. Ich weiß nicht mehr, wo ich ihn gekauft habe und wie viel er meine Eltern gekostet hat. Aber ich glaube, er ist der „Holy Grail“ meiner jugendlichen Turnschuh-Geschichte.

Es folgten zwar noch solche Sonderlinge wie die schneeweißen, schweineteuren, qualitativ höchst minderwertigen Axion Officials, die das Zeitalter der klobigen Skate-Schuhe miteinläuteten – DC Shoes, éS und Osiris lassen grüßen –, aber weder erwähnt sie das „Sneaker Freaker“-Buch, noch spielten sie in meinem Leben eine besonders prägende Rolle. 

Wie so oft darf man nicht den Fehler begehen und sich einem Gegenstand zu geordnet annähern. Im Register des „Ultimate Sneaker Book“ finde ich mich erst mal kaum wieder. Aber dann fang ich an, in dem Prachtband zu blättern – ich räum‘ dafür extra meinen Coffee Table frei, über Kopf lesen kann man das Buch nämlich nicht –, und plötzlich stolper‘ ich immer wieder über Schuhe, die freilich früher wahrgenommen habe, die ich mir wünschte, von denen ich träumte, an die man aber entweder einfach nicht rankam oder die als Zweit-Sneaker schlicht zu teuer waren.

Damals – das klingt, als spräche ich vom Sozialismus – hatten die meisten Jugendlichen selbst in gut situierten Milieus immer nur ein, höchstens zwei Paar Turnschuhe. Unsere Füße wuchsen ja andauernd noch. 

Jetzt die Geschichte vergangener Sneaker-Träume noch mal nachlesen zu können, stillt meinen Nostalgie-Hunger und vervollständigt meine Erinnerungen. Ich schwelge beim Durchblättern folglich nicht nur in vergangenen Zeiten, sondern lerne auch, sie besser zu verstehen: und mit ihnen auch mich. 

Die Neunziger: Amerika-Sehnsucht und Sneaker-Träume

Zum Beispiel die Nike Mag, die Michael J. Fox als Marty McFly in „Zurück in die Zukunft II“ (1989) trägt. Wie sehr wollte ich diese Teile haben! Mit selbstbindenden Schnürsenkeln! Das schwebende Hover-Board natürlich auch.

2011 drehte dann die halbe Sneaker-, Kino- und Nerd-Welt durch, als Nike die Treter Wirklichkeit werden ließ und 1500 Stück versteigerte. Ein Paar ging für 9959 Dollar weg. (Nichts gegen einen der Original-Sneaker aus dem Film, der 2018 bei eBay für 92.100 Dollar versteigert wurde – und das, obwohl er bereits auseinander bröckelte.) 

Oder die Adidas Superstars, dem das Buch 29 Seiten widmet. Was? Die gibt’s schon seit 1969? Und ich dachte, als ich Mitte der Neunziger in den Writer- und Streetwear-Laden Downstairs in Berlin-Schöneberg ging, wo es sie in unfassbar exklusiver 3-Streifen-aus-Schlangenleder-Imitat-Optik gab, dass das ein komplett neues Sneaker-Modell wär‘! Wir, die Nachwuchs-Sprayer aus Lichterfelde, nannten sie „Ghettostars“ – vielleicht als Ehrerbietung gegenüber der gleichnamigen Graffiti-Crew (GHS), die den Laden in der Goebenstraße führte.

Stattdessen besorgte ich mir runtergesetzte Adidas Gazelle, in die ich immerhin Fat Laces fädelte – auch die gab’s damals nicht einfach im Deichmann. (Den Versuch, unsere Turnschuhe wie Run-D.M.C. ganz ohne Schnürsenkel zu tragen, gaben wir nach einem Tag Schlürfen auf – wir mutmaßten, dass das nur auf Fotos funktioniert.)

Die Adidas Superstars sind eine Sneaker-Liebe, der ich niemals nachgegeben hab. Damals wär der richtige Moment dafür gewesen, heute, wo jeder sie trägt, ist es zu spät.

Aus dem "Adidas Superstars"-Kapitel im "Ultimate Sneaker Book" vom Taschen Verlag
Aus dem „Adidas Superstars“-Kapitel im „Ultimate Sneaker Book“ vom Taschen Verlag; Foto: Taschen Verlag

Ein Kapitel widmet das Buch auch Starter, einer Marke, die die vier großen US-Sportligen ausstattete – NFL, NBA, NHL und MLB – und Basecaps, Wollmützen, T-Shirts, Trikots, Hoodies sowie College-Jacken mit den Namen und Logos von zig Profimannschaften spickten, die wir zwar noch nie hatten spielen sehen, deren Insignien wir aber unbedingt auf unserer Stirn, unserer Brust und unserem Rücken tragen wollten. Bulls, Magic, Lakers, Celtics, Yankees, Indians, Giants, Dolphins, Raiders, 49ers, Kings, Panthers, Rangers und natürlich Mighty Ducks. 

Peinlich war es hingegen, ein Trikot vom FC Bayern oder von Borussia Dortmund zu tragen. Fußball war peinlich, Handball war peinlich, Volleyball war peinlich, Feldhockey war oberpeinlich. Genauso all die deutschen Sportmarken, die in diesen Kontexten verwendet wurden und erst in den Zehnerjahren durch die vom Hipster vorgenommene Nobilitierung des Hässlichen, Uncoolen und Altväterlichen wieder in den Blickpunkt gerieten. Marken wie Jako, Uhlsport, Kempa, Trigema und Erima, aber auch – heute kaum mehr vorstellbar – der dänische Sportartikelhersteller Hummel.

Es war die Zeit des US-Sports – überhaupt die Zeit der USA. Wir liebten das Land der Riesen-Malls und unbegrenzten Outlet-Shopping-Möglichkeiten. Zu Hause schien alles so klein, eng und begrenzt. Jeder von uns versuchte seine Eltern mit demselben Argument dazu zu überreden, für die nächsten Ferien einen Flug über den Atlantik zu buchen: „Alle waren in Amerika! Ich will auch endlich nach Amerika!“ Und wann immer Eltern nachgaben, hatte der*die Glückliche seinen besten Freund*innen etwas mitzubringen: Sneaker, Hosen – mindestens ein T-Shirt.

Amerika, das Land, in dem Milch und Honig fließt. Übersetzt bedeutete das für uns: Skateboarding, Basketball, Rap-Musik, Mode. Deutschland hatte uns diesbezüglich schlichtweg nichts zu bieten.

Wunderbar auch die 35 Seiten über den Reebok Pump. 1989 kam er auf den Markt, in den darauffolgenden Jahren muss ich jedes Mal, wenn ich ihn in der Sportabteilung eines Kaufhauses oder im Schuhgeschäft sah, hingerannt sein und ihn ausprobiert haben. „Ausprobiert“ bedeutet nicht „anprobiert“, denn ich traute mich nicht, danach zu fragen. Das höchste der Gefühle – aber was für eins! – war es, immer wieder auf die Basketball-förmige Pumpe zu drücken und den Sneaker so aufzupumpen. Was für eine Technik! Was für ein Spaß! Wie befriedigend, die Luft mit einem lauten Zischen wieder rauszulassen!

Das „Ultimate Sneaker Book“ druckt eindrucksvoll mehrere Dutzend Modelle ab, die vom Reebok Pump releast wurden. Sein „Architekt“ Paul Litchfield kommt zu Wort, genauso wie ein Sammler, der mehr als 160 Reebok Pumps in seiner Garage in New Jersey hortet – die größte Sammlung der Welt.

Nostalgisch werde ich noch einmal beim Anblick bestimmter Air-Jordan-Modelle, die wir als Teenies natürlich auf dem Schirm hatten. Allein, sie kosteten ein Vermögen, und wir begnügten uns damit, unsere Jugendzimmer mit „BRAVO Sport“-Postern des Chicago-Bulls-Stars zu tapezieren. Besonders die zwischen 1993 und 1996 erschienenen Modelle hatten es uns angetan. Die VIIIer, IXer, Xer und XIer; die XIIer, die Klassen-Rich-Kid Jan bekam, den wir dafür beneideten.

Zwei Seiten aus dem "Air Jordan"-Kapitel des "Ultimate Sneaker Book" vom Taschen Verlag
Zwei Seiten aus dem „Air Jordan“-Kapitel des „Ultimate Sneaker Book“ vom Taschen Verlag; Foto: Taschen Verlag

Nikes Air Max und Air Force 1, die im Buch viel Aufmerksamkeit bekommen, spielten in meinem Leben nie eine Rolle. Natürlich faszinierten mich die Luftkissen der Air Max, von denen ich mir vorstellte, sie ließen einen wie auf Wolken laufen. Die ersten Air Force 1 sind – Baujahr ’82 – nur ein Jahr jünger als ich. Zur selben Zeit kamen Grandmaster Flashs „The Message“ und Afrika Bambaataas „Planet Rock“ raus, zwei wegweisende Dokumente des Rap. Und so verwundert laut „Freaker Sneaker“ nicht, dass sie zu „Hip-Hops Schuh der Wahl“ wurden, trotz Run-D.M.C.s Adidas-Vergötterung. Ich schien die scheinbar Genre-inhärente Air-Force-1-Liebe nicht qua Muttermilch gekriegt zu haben.

Der Sneaker ist ein Seismograf der Geschichte – überraschend oft sogar der eigenen

Es ist unmöglich, hier alles aufzuzählen, was Simon „Woody“ Wood aufgefahren hat (ein Inhaltsverzeichnis gibt es auf der Website des Taschen Verlags). Der „Sneaker Freaker“-Macher lässt es sich freilich nicht nehmen, auf die Kollabo-Turnschuhe zu verweisen, die sein Magazin mit Sneaker-Brands herausgebracht hat. Auch andere Partnerschaften werden besprochen; außerdem natürlich Akteure wie Kanye West, Jeremy Scott und Virgil Abloh. Für Nerds wird auf technische Errungenschaften wie NIKEiD und Adidas Futurecraft eingegangen.

Kanye Wests Yeezy-Sneaker bekommen im "Ultimate Sneaker Book" des Taschen Verlags ein eigenes Kapitel
Kanye Wests Yeezy-Sneaker bekommen im „Ultimate Sneaker Book“ des Taschen Verlags ein eigenes Kapitel; Foto: Taschen Verlag

Und spätestens hier merkt man dem „Ultimate Sneaker Book“ erneut sein kleines Manko an: Es ist sehr Adidas- und Nike-fixiert. Aber es ist halt eben kein Lexikon, sondern die Feier einer Sneaker-Zeitschrift, bei der manche Gäste häufiger eingeladen waren – vielleicht auch, weil sie glamouröser waren und mehr zu sagen hatten als andere.

Die Geschichte der BKs – British Knights – hätte ich aber dennoch gerne gelesen. Jene Schuhe, die 1990 MC Hammer bewarb und die angeblich auch Kurt Cobain einmal trug. Die Schuhe der Straßen-Gang Crips aus L.A., den größten Widersachern der Bloods, die die Abkürzung BK als „Blood Killers“ verstanden wissen wollten. Oder wenigstens eine Erwähnung der zu Unrecht in Vergessenheit geratenen charmanten Marke KangaROOS. Erst faszinierte uns die kleine Tasche, die jeder Sneaker aufwies, per se, später versteckten die Kiffer*innen und Frühreifen von uns darin Gras oder Gummis.

Sei’s drum. Das „Ultimate Sneaker Book“ ist eine atemberaubende Anthologie. Seine einzelnen, in sich geschlossenen Kapitel zeigen oft genug, wie eng die Entwicklung jener Schuhe, die viele von uns täglich an den Füßen tragen, mit der Mode-, Sport-, Musik-, Street-Art-, Kino-, Lifestyle- und Technikgeschichte zusammenhängt. Was im ersten Augenblick wie ein Nerd-Bekenntnis klingt, verwandelt sich mit jeder Seite, die man umblättert, zu einer immer luzideren, aber im Grunde banalen Erkenntnis: Der Sneaker ist ein Seismograf der Geschichte – überraschend oft sogar der eigenen. 

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