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Als meine Corona-App plötzlich auf Rot sprang

(Dieser Text erschien am 29. Oktober 2020 auf NOIZZ.de)

Mehr als 20 Millionen Mal wurde die Corona-Warn-App mittlerweile heruntergeladen – unter anderem von NOIZZ-Chef Manuel Lorenz. Lange war in seiner App nichts los, außer ab und zu ein paar Begegnungen „mit niedrigem Risiko“. Anfang Oktober sollte sich das ändern. Denn plötzlich schlug seine App Alarm. Es folgten Tage der Ungewissheit.

Als ich die Corona-Warn-App öffne, sehe ich rot. Die Hälfte meines Handy-Bildschirms leuchtet in jener unzweideutigen Signalfarbe, oben steht groß „Erhöhtes Risiko“, darunter sind die Fakten aufgereiht: „3 Risiko-Begegnungen“, „5 Tage seit letzter Risiko-Begegnung“ und „Aktualisiert: Heute, 11:43“.

Jetzt hat’s mich also auch erwischt, ist mein erster Gedanke. Zumindest besteht die Möglichkeit, dass ich Covid-19 habe, jenes Virus, über das seit März die halbe, nein: die ganze Welt spricht, über das ich seit mehr als einem halben Jahr jeden Tag etwas höre oder lese, über das wir bei NOIZZ fast jeden Tag berichten. 

Das Virus, auf das die Menschheit nicht klarkommt. Von dem manche glauben, es sei nicht real, andere, es sei gar nicht so gefährlich, wie die Expert*innen behaupteten, denen die meisten Regierungen vertrauen, wieder andere, es diene dem Microsoft-Gründer Bill Gates dazu, uns zusammen mit dem Impfstoff einen Mikrochip unter die Haut zu jagen, um uns in Zukunft zu kontrollieren und so die Weltherrschaft an sich zu reißen. 

Währenddessen erkranken weltweit weiterhin Menschen an dem Virus mit dem täuschend schönen Namen – Corona heißt übersetzt ja auch Krone –, liegen auf Intensivstationen, leiden an dauerhaften Folgeschäden oder sterben infolge ihrer Infektion sogar.

Der Status quo am heutigen Montag (Anfang Oktober) laut dem Robert-Koch-Institut und der Weltgesundheitsorganisation: in Deutschland 300.619 Kranke und 9.534 Tote, weltweit mehr als 34.8 Millionen bestätigte Fälle und über eine Million Verstorbene. Von einem Abflachen der Kurve keine Spur. Im Gegenteil: Sie geht steil nach oben.

Corona-Fälle in Deutschland im Jahresverlauf (Quelle: WHO / Johns Hopkins University)
Corona-Fälle in Deutschland im Jahresverlauf (Quelle: WHO / Johns Hopkins University)
Corona-Fälle weltweit im Jahresverlauf (Quellen: Johns Hopkins University; CDC; WHO)
Corona-Fälle weltweit im Jahresverlauf (Quellen: Johns Hopkins University; CDC; WHO)

(Mittlerweile, in den drei Wochen, die seitdem ins Land gegangen sind, hat sich die Lage tatsächlich so verschärft, dass es in Deutschland ab Montag, 2. November zum zweiten Shutdown kommen wird.

Das laute Anrollen der zweiten Covid-19-Welle ist Wasser auf die Mühlen meiner Hypochondrie. Bis gerade eben verspürte ich keinerlei Symptome – nur das Normale: leichte Müdigkeit, schwache Kopfschmerzen, bisschen verschnupfte Nase –, plötzlich bemerke ich ein Kratzen im Hals. Ist es das schon? Die Inkubationszeit des Virus, fünf bis sechs Tage, müsste ja langsam vorbei sein. Vielleicht gewinnt es in diesem Augenblick seine erste Schlacht gegen mein Immunsystem. 

Die Einschläge kommen näher

Irgendwann musste es mich ja erwischen. Es ist nur logisch, wenn man auf die Zahlen schaut – und wenn ich mich unter meinen Freund*innen, Bekannten und Kolleg*innen umschaue. Ich kenne mittlerweile nicht mehr nur Leute, die jemanden kennen, der*die sich mit Corona infiziert hat, sondern ich kenne Erkrankte persönlich.

Letztens auf der Straße treffe ich eine Arbeitskollegin, und sie fällt mir schneller um den Hals, als ich ihr zum Corona-Gruß den Ellbogen entgegenstrecken kann. „Keine Sorge!“, sagt sie sofort, als sie meine Zurückhaltung spürt. „Ich hatte das Zeug schon. Ich bin jetzt immun“ – „Ah, okay, super“, sage ich und tue unbeeindruckt. Hoffentlich!, denke ich und erinnere mich daran, gelesen zu haben, dass Leute „das Zeug“ auch schon mal zweimal hatten. Aber gefühlt liest man ja jeden Tag was anderes. 

Ein Freund kommt aus dem Risikogebiets-Urlaub zurück und erzählt mir: „Wir beide haben es uns ja da geholt.“ Bei ihm sei es gar nicht so schlimm gewesen. Zwei Tage matt, bisschen Schnupfen. Bei seiner Freundin aber: zwei Wochen Bett mit allem drum und dran. Am krassesten sei der Geschmacksverlust gewesen: „Ich hab ihr eine Bolognese gekocht. Sie fand’s nur eklig – nicht weil sie nicht schmeckte, sondern weil sie nichts schmeckte!“ Sie habe nur die Textur im Mund gefühlt – und die sei bei Bolognese nicht gerade gut.

Ich könnte noch eine Handvoll weiterer solcher Geschichten erzählen, die zeigen: Die Einschläge kommen näher. Und damit die Wahrscheinlichkeit, selbst vom Virus befallen zu werden. Warum sollte es ausgerechnet mich verschonen?

Alarmstufe Rot in der Corona-Warn-App

Aber mal halblang. Was bedeutet Alarmstufe Rot in der Corona-Warn-App überhaupt? Wohl kaum, dass ich mir das Virus eingefangen habe – denn wie sollte eine App das ohne Test feststellen können? Das Programm hat lediglich festgestellt, dass ich vor fünf Tagen mit einer Person, die innerhalb der vergangenen 14 Tage positiv auf Covid-19 getestet wurde, relativ viel Zeit auf relativ kleinem Raum verbracht habe. Wie lang und wie nah genau, geht aus der App nicht hervor. Ihr Algorithmus berücksichtigt die Dauer, Nähe und Anzahl der Begegnungen sowie seitdem vergangenen Tage. (Wann genau die App auf rot springt, hat am besten „Heise Online“ erklärt.) 

Und sofort rattert es bei mir natürlich. Was hab ich am Mittwoch gemacht? Wo war ich? Wen hab ich getroffen? Mit wem saß ich wo wie lang zusammen? Ich komme zu keinem stringenten Ergebnis. Die einzige Person, die in Frage kommt, hat kein Covid-19 – oder lügt mich an. Ich tippe auf Fußball, Großraum oder Kantine. Aber eigentlich ist es auch egal.

Und jetzt?

Ich könnte die Corona-Warn-App-Warnung einfach geheim halten und schauen, was passiert. Ganz normal in die Redaktion gehen und so tun, als ob nichts ist. Aber erstens wäre das asozial und verantwortungslos. Und zweitens hab ich die Rechnung nicht mit meiner Frau gemacht. „Du sagst jetzt im Büro Bescheid und gehst dort nicht mehr hin, bis du weißt, was ist. Du gehst jetzt auch erst mal nicht raus. Und wir auch nicht. Wir hängen da jetzt ja mit drinnen.“ Mit wir meint sie sich und unsere Tochter. „Du rufst jetzt sofort bei deiner Hausärztin an und machst einen Termin, um dich testen zu lassen.“

Sie hat recht.

Ich gebe im Büro Bescheid und rufe meine Hausärztin an – die mir allerdings bedeutet, ohne Symptome würde sie mich nicht testen. Ich googel „corona test berlin“ und komme auf drei Möglichkeiten: 1. Eine Covid-19-Praxis aufsuchen. 2. Zu einer quicktest.berlin-Station fahren. 3. Sich ein Test-Kit nach Hause schicken lassen.

Da ich bereits einen Korb von meiner Hausärztin bekommen habe, verzichte ich auf einen Anruf bei einer Covid-19-Praxis. Außerdem steht da was von Symptomen, und mein Halskratzen ist schon wieder weg. Quicktest.berlin – das hört sich doch nach einem schnellen Ergebnis an! Aber davon gibt’s in der ganzen Stadt gerade nur eine – die an der Messe–, und der nächste Termin ist erst in sechs Tagen frei.

Also bestell‘ ich mir über meinen Arbeitgeber, der das zum Glück umsonst anbietet, ein Test-Kit nach Hause – einen sogenannten PCR-Test. Der gilt als genauer als die sogenannten Schnell- bzw. Antikörper-Tests, dauert aber halt auch viel länger, nämlich nicht bloß 15 Minuten.

Der Corona-Test-Kit kommt zu mir nach Hause

Dienstag, 10.15 Uhr: Es klingelt, ich öffne die Türe, ein UPS-Bote übergibt mir ein Paket. Das Test-Kit. Wow, ging das schnell! Auf der Rückseite steht in großen Lettern „Eurofins“, eines der weltweit größten Bioanalytik-Unternehmen mit Hauptsitz in Luxemburg. 

Die Versandtasche mit dem Corona-Test-Kit
Die Versandtasche mit dem Corona-Test-Kit

Das Paket enthält ein Plastikröhrchen, an dessen Deckel ein langes Wattestäbchen befestigt ist, eine Gebrauchsanweisung, einen Sicherheitsbeutel, eine Rücksende-Box, eine Versandtasche, einen ausgefüllten Rücksende-Etikett sowie eine Reihe von Aufklebern, um die Probe direkt ins Labor nach Ebersberg zu schicken. Auf meinem Wohnzimmertisch sieht das alles erst mal ganz schön unübersichtlich aus, aber zum Glück erklärt die Gebrauchsanweisung übersichtlich Schritt für Schritt, was jetzt zu geschehen hat.

Erstens, einen Arzttermin buchen, zweitens, die Probe entnehmen, drittens die UPS-Abholung buchen. Klingt machbar!

Der Inhalt des Corona-Test-Kits
Der Inhalt des Corona-Test-Kits

Ich lade mir die App Kry auf mein Handy, erstelle ein Benutzerkonto, beantworte noch ein paar Fragen („Hattest du in den letzten 2 Wochen Kontakt zu jemandem, der COVID-19 hat?“ – „Ja/Nein/Weiß nicht“) und bekomme für 15.45 Uhr einen Termin bei Dr. med. Uwe L. Dieser würde mich, so wird mir mitgeteilt, in der Kry-App anrufen. 

Die Terminbestätigung in der Kry-App
Die Terminbestätigung in der Kry-App

Leider findet der Termin zu spät statt, um die Probe noch am selben Tag vom UPS-Boten abholen zu lassen. Das wird erst morgen Früh funktionieren, zwischen 9 und 13 Uhr. 

Video-Sprechstunde bei Dr. med. Uwe L.

15.40 Uhr: In fünf Minuten beginnt die Video-Sprechstunde, langsam werde ich nervös – ein bisschen wie bei einem Blind-Date mit ungewissem Ausgang. „Bestenfalls befinden Sie sich zum Start des Anrufs vor einem gut ausgeleuchteten Badezimmerspiegel„, steht in der Anleitung geschrieben. „Nach Möglichkeit das Handy vor dem Spiegel so aufstellen, dass der Arzt Sie in der Kamera und Sie sich selbst im Spiegel gut sehen können.“ Außerdem soll ich natürlich „Tupfer mit Transportröhrchen und Testanforderungsformular“ mitnehmen.

Ich gehe ins Bad, öffne die App und … Er ruft an

„Guten Tag! Mein Name ist Uwe L., und ich glaube, wir haben einen Termin. Sind Sie Herr Manuel Lorenz?“ Lockenkopf, 10-Tage-Bart, Brille – und Headset. Bin ich in einem Call-Center gelandet? „Ja, das bin ich“, sage ich. Und finde die Situation einerseits unnatürlich, weil ich seit Chatroulette-Zeiten nicht mehr mit jemand Fremdem videotelefoniert habe; andererseits ist Videotelefonie mittlerweile ja das Normalste der Welt. Die ständigen Zoom-Konferenzen des Corona-bedingten Homeoffice-Zeitalters haben ja dazu geführt, dass wir selbst privat kaum mehr ohne Bild telefonieren, sondern immer unmittelbar das Kamera-Symbol ansteuern.

Und Herr L. ist superfreundlich, das merk‘ ich sofort. Ein bisschen der Typ Kinderarzt. Einer, der weiß, dass er seinen wehrlosen Patient*innen mit Psychotricks die Angst nehmen muss. Die Angst, sich selbst positiv auf COVID-19 zu testen. 

Er fragt noch einmal meine Daten ab, fragt mich, warum ich den Test machen will, was passiert sei, ob ich Symptome hätte. Dann sagt er, und er sagt es langsam und deutlich: 

„Egal, wie der Test ausgeht: Bleiben Sie gelassen.“

Er fährt im beruhigend-einlullenden Kinderarzt-Duktus fort: „Ich will das Virus nicht verharmlosen, aber die Wahrscheinlichkeit, dass Sie daran sterben, ist sehr gering. Sie sind 39 Jahre alt, haben keine Vorerkrankungen und verfügen über ein gutes Immunsystem. Und selbst wenn Sie Corona-positiv getestet werden: Die meisten Infektionen zeigen gar keine Symptome oder verlaufen mild. Ich sage Ihnen das, weil wir nach einem halben Jahr Dauerbeschallung durch Politiker und Medien die wesentlichen Fakten manchmal vergessen.“

Ich nicke, frage mich, ob er das Virus nicht doch verharmlost, wie er wohl an den Job gekommen ist – und warte darauf, dass es losgeht.

Dr. Uwe L. bedeutet mir, mich so hinzustellen, dass er mein Profil sehen kann. „Und jetzt ziehen Sie das Wattestäbchen aus dem Röhrchen, führen es im 20-Grad-Winkel an Ihrem oberen Gaumen entlang, bis Sie fast das Gefühl haben, Sie müssten sich übergeben. Zwirbeln Sie das Stäbchen zwischen Ihren Fingerspitzen einmal nach links, dann nach rechts, und wiederholen Sie diese Bewegung noch einmal. Dasselbe dann in beiden Nasenlöchern. Stäbchen im 20-Grad-Winkel rein, so lange schieben, bis Ihnen das Kribbeln kommt, das Sie vom Niesen kennen, einmal nach links zwirbeln, einmal nach rechts, wiederholen – fertig!“

Ich tue, wie mir geheißen, versuche, streberhaft alles richtig zu machen – immerhin geht es um ein möglichst unverfälschtes Testergebnis, soll heißen: um meine Gesundheit. Dr. L. korrigiert den Winkel ein wenig, mit dem ich das Stäbchen in meine Nase führe – fertig.

Insgesamt dauert der Video-Call 15 Minuten; das gesamte Prozedere samt Aus- und Einpacken, Terminbuchungen und „Probenahme mittels Video-Kosultation“, wie das, was ich gerade gemacht habe, offiziell heißt, beläuft sich auf nicht mehr als eine Stunde. 

Das Ergebnis

Mittwoch, 10.45 Uhr: Es klingelt, ich öffne die Türe, ein UPS-Bote. „Zwei Pakete?“ Es ist nur eins. Sobald er es im Labor abgeliefert hat, tickt die Uhr. Dann dauert es 24 bis 36 Stunden, bis ich weiß, ob ich Corona hab. „Sie erhalten eine Nachricht in der Kry-App“, heißt es in den Test-Unterlagen. 

Ich fühle mich ein wenig aussätzig. Das Wattestäbchen hat die abstrakte, unsichtbare Virus-Gefahr gleichsam anfassbar gemacht. Das Tagesthema eines halben Jahres, die „größte Gesundheitskrise unserer Zeit“ (laut WHO) könnte sich auch in mir eingenistet haben. Ich spüre die Last, obwohl noch gar nicht klar ist, ob sie mich auch wirklich betrifft. Bis ich das Ergebnis habe, muss ich meinen Körper erst einmal wie Atommüll behandeln: ihn von jedem abschotten, den er kontaminieren könnte – alle. In dubio contra reum – im Zweifel gegen den Angeklagten. 

Die fertige Probe für den Corona-Test
Die fertige Probe für den Corona-Test

Alle fragen jetzt dauernd nach: „Und?“ – „Was ‚Und?‘?“ – „Hast du das Ergebnis schon?“ – „Nein. Aber es müsste eigentlich bald kommen. Du wirst der Erste sein, dem ich Bescheid sage.“

Freitag, 9.41 Uhr: Die Kry-App schickt mir eine Push-Mitteilung. In meiner Inbox liegt eine neue Nachricht. „Ihr Testergebnis (Sars-CoV-2)“. Alles extrem unpersönlich, kalt. Wo ist Dr. med. Uwe L., wenn man ihn dazu braucht, einem mit seiner Kinderarzt-Stimme Mut zuzusprechen? Der Nachricht ist eine Datei angehängt. „Anhang_1.pdf“. Die machen’s aber spannend, denk ich. Hopp oder topp, gleich werd‘ ich’s wissen. 

Die PDF ist ein unübersichtlicher, sachlicher Bericht des Laborbefunds. Viele Daten und Begriffe, mit denen ich nichts anfangen kann. „Ct Value N-Gene“, „39 < Ct ≤ 42“, „COV6396783“. Hä? Ich suche nach Wörtern, die mir was sagen: „Corona“, „Virus“, „ja“, „nein“, „vielleicht“. Und dann werde ich fündig: „Result“ steht auf Englisch über der mittleren Spalte, und darunter lapidar „negative“. Sonst steht da nichts. Kein „Wir beglückwünschen Sie dazu, dass Sie kein Corona haben“, kein „Sie dürfen jetzt wieder unter Leute gehen“ – nichts. IMAGEvertical_align_centerCentermore_vert

Ausschnitt des Befunds. Resultat: negativ
Ausschnitt des Befunds. Resultat: negativ

„Ich bin negativ!“, rufe ich in die Wohnung und fange an, WhatsApp-Nachrichten zu schreiben. 

Ich bin COVID-19-negativ. Und die Einschläge kommen zwar immer näher, aber diesmal bin ich noch mal mit dem Schreck davongekommen. 

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