44 mins read

Das gute alte 90er-Jahre-Skateboard ist zurück – auch dank Corona?

Das typische 90er-Jahre-Skateboard hatte die sogenannte „Popsicle“-Form; Foto: Lukas Bato / Unsplash

(Dieser Artikel erschien erstmals auf NOIZZ.de, 14. September 2020)

Lange war das sogenannte „Popsicle“-Skateboard verschwunden – jenes Rollbrett, mit dem wir aggressive Tricks auf der Straße und gefährliche Stunts in der Halfpipe verbinden. Jetzt taucht es plötzlich wieder überall auf und wird nicht mehr nur von Teufelskerlen gefahren. Ist womöglich die Corona-Epidemie schuld an diesem unverhofften Comeback? NOIZZ-Chefredakteur Manuel Lorenz geht auf eine Spurensuche, die ihn bis in seine eigene Jugend im Berlin der 90er Jahre zurückführt.

Surren, Rattern, Klackern auf Asphalt. Wer den Sound des Skateboards einmal abgespeichert hat, erkennt ihn selbst nach Jahren sofort wieder. Er ähnelt dem Klang, den ein Rollkoffer macht, der gerade zu einer Airbnb-Wohnung in Berlin-Kreuzberg gezogen wird. Nur ist er heller, härter und älter.

Diesen Sommer habe ich den Sound des Skateboards nach langer Zeit wieder öfter gehört. Und wenn ich Skateboard sage, meine ich das gute alte 90er-Jahre-Brett. Es besteht meistens aus Ahornholz, ist 80 mal 20 Zentimeter groß, sieht hinten und vorne identisch aus (hochgebogenes Heck, hochgebogene Spitze), hat eher kleine, eher harte Rollen und eignet sich eigentlich nur für zwei Dinge: Halfpipe fahren und Straßentricks stehen.

Seinen Höhepunkt hatte das Skateboard, von dem ich spreche, um die Jahrtausendwende herum. Der Profi-Skateboarder Tony Hawk wurde zu seiner Galionsfigur. 1999 vollführte er beim Extremsport-Event „X Games“ vor laufender Kamera einen „900“ – einer der schwierigsten Tricks überhaupt. Die Bilder davon gingen um die Welt und befeuerten den Verkauf des Videospiels „Tony Hawk’s Skateboarding“, das einen Monat später auf den Markt kam. Es ging fünf Millionen Mal über den Ladentisch. Plötzlich wollte jede*r Jugendliche skaten, und sei’s nur auf der PlayStation. 2001 war Skateboarding bei US-Amerikaner*innen unter 18 beliebter als der Volkssport Baseball, wie „OC Family“ 2003 herausfand.

In Deutschland hatte der Münsteraner Titus Dittmann die Szene vorangebracht. 2002 gab es bundesweit 30 seiner Titus-Skateboard-Läden mit insgesamt rund 500 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von 75 Millionen Euro. Im selben Jahr brachte Pop-Sängerin Avril Lavigne den Song „Sk8er Boi“ raus. Das Skateboard war endgültig im Mainstream angekommen.

Und dann? Kamen Scooter. Inlineskates. Kickboards. Snakeboards. Mountainboards. Fingerboards. Longboards. Hoverboards. Pennyboards. E-Scooter und Rollschuhe. Fortbewegungsmittel mit Rollen und Rädern aller Art sowie Bretter in allen möglichen Formen. Skateboarding fühlte sich plötzlich alt und lahm an und wurde wieder zur Subkultur. Außerdem hatte, glaube ich, keiner mehr Lust, sich dauernd zu verletzen. Schürfwunden und Knochenbrüche kamen aus der Mode, das Zeitalter der Tricks und Stunts war vorbei. Man wollte jetzt vor allem cruisen – butterweich über glatten Asphalt.

Skaten passte einfach nicht mehr in mein Leben rein

Ich weiß gar nicht, warum ich aufhörte zu skaten. Vielleicht war es die andere Stadt nach dem Abi. Andere, neue Freunde, von denen keiner auf Skateboards stand. Studium. Anderes, neues Umfeld, das eher nach Cordsakkos verlangte als nach Hoodies mit großen Skate-Markenlogos. Adidas Sambas statt DC Shoes. Selbstgedrehte Zigaretten statt Runden drehen auf dem Skate-Platz. Kopfsteinpflaster in der Altstadt statt glattem Asphalt in der Millionenmetropole.

Vielleicht wollte ich auch einfach erwachsen werden, und Skateboarden war für mich Kindheit und Jugend. Was hätt‘ mein Geschichtsprofessor gedacht, wenn ich mit Rollbrett unterm Arm in die Mittelaltervorlesung gekommen wär‘? Wie hätte meine Latein-Lerngruppe auf mein Basecap reagiert? Und mit dem Board zum Musikwissenschafts-Date oder zur Karaoke-Night im Irish Pub? Undenkbar. Abgesehen davon, dass ich in Freiburg sowieso kaum jemanden skaten sah – der Hype war ja auch langsam vorbei –, passte es wohl einfach nicht mehr in mein Leben rein.

Mittlerweile bin ich 20 Jahre älter und zwei weitere Male umgezogen – und weiß nicht mal mehr, ob ich mein altes Skateboard überhaupt noch hab! Im Keller ist es nicht. Vielleicht bei meinen Eltern? Oder sollte ich es tatsächlich weggeschmissen haben? Ich weiß noch, dass mir zuletzt die Vorderachse gebrochen war. Aber das wäre für mich Nostalgiker und heimlichem Messie kein Grund gewesen, das ganze Brett zu entsorgen.

Das Einzige, was ich im Keller finde, ist mein uraltes, kleines Pennyboard, das ich als Neunjähriger meinem Freund Stephan für hart ersparte 30 Taschengeld-D-Mark abgekauft hatte und auf dem ich so lange durch die Fußgängerunterführung unseres S-Bahnhofs fuhr, bis ein Rentner mit seinem Gehstock nach mir schlug.

Mein erstes richtiges Skateboard kaufte ich mir Anfang der 90er Jahre in Zürich bei einem Städtetrip mit meinen Eltern. Denn selbst in Berlin, wo ich damals wohnte, waren Skate-Shops noch eine Rarität. Natürlich gab es Mike’s and Billie’s, den legendären Laden am Nollendorfplatz, in Kreuzberg Search and Destroy und in Wilmersdorf California Boarding. Aber für einen Elfjährigen war es selbst in einer Stadt wie Berlin ultraschwer, solche Orte ausfindig zu machen. Von Skateboard-Magazinen wusste ich nichts, und das Internet gab es damals so auch noch nicht.

Die Skate-Shops, die es Mitte der 1990er in Deutschland gab, passten auf zwei Seiten (im „Monster Skateboard Magazine“, Nr. 117, 5/1996), und man fand nur raus, welche es gab, wenn man ein Skate-Magazin ergatterte oder jemand einem davon erzählte; Foto: Privat

Den Laden in Zürich gibt es heute nicht mehr. Er war relativ zentral gelegen und in einem Eckhaus untergebracht. Oben gab es Mode, unten Skateboards. Ich erinnere mich noch, wie ich mit meinem Vater – seine Gegenwart war mir sicherlich peinlich, aber er hatte halt das Geld dabei – die Treppen ins Untergeschoss herunter stiegen und an einem schillernden Ort rauskamen. Er wirkte auf mich wie eine Wunderkammer.

Die Wände hingen voller Bretter mit den ausgefallensten Grafiken; die restlichen freien Stellen zierten Poster, auf denen Skateboard-Fahrer halsbrecherische Tricks vollführten. Auf dem Tresen lagen Skateboard-Magazine, VHS-Kassetten und Sticker herum. In einer Glasvitrine lagerten unzählige Rollen und Achsen in verschiedensten Farben und Größen, außerdem Kugellager und Öl. Ich dachte, ich hätte Eldorado gefunden.

Skate-Parks gibt es mittlerweile selbst im kleinsten Kuhkaff

Heutzutage ist es leichter denn je, in die Skateboard-Kultur einzutauchen – selbst in der abgelegensten Provinz. Man braucht dafür nur einen Internetanschluss. Klamotten, Boards und sonstiges Zubehör findet man in zig Online-Shops; auf Instagram kann man den Skate-Stars folgen, auf YouTube jeden Trick mithilfe von Schritt-für-Schritt-Videos lernen. Magazine sind sowieso ins Netz umgezogen, wenn sie die Digitalisierung überlebt haben. Und Skate-Parks gibt es mittlerweile selbst im kleinsten Kuhkaff.

Das Einzige, worum man selbst heutzutage nicht herumkommt, wenn man Skater werden will, ist, sich unzählige Male hinzulegen, sich Schürfwunden, Verstauchungen, Prellungen und – mit ein bisschen Pech – Knochenbrüche zuzulegen.

Vielleicht hat auch diese Allverfügbarkeit das Skaten erst mal unspannend gemacht. Subkulturen wie der Graffiti-Szene ging es gleichzeitig wahrscheinlich ähnlich. Denn ein wesentlicher Punkt am Sprayen, Rappen, Breakdancen und Raven, am Goth-, Skinhead- oder Punk-Dasein war ja das Geheimnis, der Code. Und wenn der offen zutage liegt und jeder immer und überall problemlos darauf zugreifen kann, verliert er erst einmal seinen Reiz.

Abgrenzen kann man sich nur, wenn es Mauern gibt. Und die hatten der Mainstream und das Internet gemeinschaftlich eingerissen. Alles verfloss mit- und ineinander, alles war gut, alles war möglich. Es herrschte endlich das oft beschworene Anything goes der Postmoderne.

Bis in die 90er glichen Subkulturen Sekten

Bis auch das ausgereizt schien und man sich wieder festlegen wollte – allerdings undogmatischer. Denn die Zeiten der kleinen Glaubensgemeinschaften – Skater, Grunger, Gamer et cetera –, die miteinander um die Wahrheit streiten, sind endgültig vorbei. Bis in die 90er glichen Subkulturen Sekten mit unverrückbaren, miteinander unvereinbaren Glaubenssätze. Rap-Gruppennamen wie Wu-Tang Clan und A Tribe Called Quest oder Bezeichnungen wie Rave-Nation unterstreichen dieses Verlangen, einem Stamm mit bestimmten Riten zuzugehören.

Wer Skater sein wollte, musste Skate-Schuhe tragen, Baggys, weite T-Shirts und Pullis. Am besten noch ein Basecap. Natürlich waren bestimmte Marken wichtig: Airwalk, Carhartt, Dickies, Element, Emerica, éS, Etnies, Osiris, Stüssy, Vans und Volcom – um nur einmal ein paar Brands zu nennen, die in meinem Umfeld wichtig waren.

Man hörte am ehesten Skate-Punk. Hip-Hop war aber auch okay, wenngleich man damit Gefahr lief, als Softie abgestempelt zu werden – und das wollte man auf keinen Fall. Skater waren harte Hunde, die im Zweifel abseits der Halfpipe irgendwelchen gleichermaßen gefährlichen wie lustigen Quatsch verzapften. Das gehörte ebenfalls dazu – das machten die Profis in den Skate-Videos vor. Das „MTV“-Format „Jackass“ trieb diesen Lifestyle auf die Spitze. Insgesamt ging’s recht stark Richtung Bürgerschreck. Eine Königsdisziplin war es, die Erwachsenenwelt gegen sich aufzubringen – vor allem natürlich beim Skaten an Orten, an denen es explizit verboten war.

Ich schreibe übrigens absichtlich Skater und nicht Skater*innen, denn Skaten war mit wenigen Ausnahmen absoluter Jungs-Sport. Mädels waren chauvinistischerweise Zubehör, Publikum, diejenigen, die am Rande der Halfpipe saßen und die Teufelskerle bewunderten, die für sie in den Krieg zogen, gegen die Schwerkraft, den Trick, der nicht funktionierte und die eigene unausgesprochene Angst. Die einzige Chance, um als Skater akzeptiert zu werden, war genau das: zum Jungen zu werden, alles, was gemeinhin mit Weiblichkeit verbunden wurde, über Bord zu werfen. Ansonsten blieben sie Groupies oder sogenannte „Bettys“. 

Mädels zierten die Unterseite zahlreicher Bretter: halbnackt, nackt, als Pin-ups, auffordernd oder sogar explizit pornografisch. Berühmte Beispiele dafür sind das „Randy Colvin XXX“-Deck von World Industries oder die anzüglichen Manga-Decks der japanischen Skateboard-Marke Hook-ups. Dasselbe gilt für die Werbung, wo Frauen lediglich als Beiwerk dienten. Die Szene war, das ist schwer zu verkennen, sexistisch oder sogar misogyn – von der latenten Homophobie gar nicht erst zu sprechen. 


 
 
 
Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

Thanks @hemroid #worldindustries #randycolvin #thenineties #vintageskateboard #boardcollecter #deckcollector #skateboardcollector #twoworldindustriesmen #rubbishheap #arizona

Ein Beitrag geteilt von Dan Cates (@therealdancates) am


 
 
 
Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

www.hookupsskateboards.com I just restocked a few classics.

Ein Beitrag geteilt von Jeremy Klein (@hookupsofficial) am

„Rostlaube“, Oskar-Helene-Heim, Yaam: Wo wir Bildungsbürger-Teenager skateten

Die Punk-Attitüde des Skatens zog auch uns an. Nur, dass wir – mein Freund Jakob und ich, mit dem ich auch meine Leidenschaft für Hip-Hop und Graffiti auslebte – dem Bildungsbürgertum entstammten und keine Lust auf allzu viel Ärger sowie allzu versehrte Körper hatten. Deshalb reichte es bei uns gerade mal fürs Skaten auf der ruhigen Straße vor dem Einfamilienhaus, in dem Jakob mit seinen Lehrereltern wohnte.

Manchmal, wenn wir mehr Zeit hatten, fuhren wir aber auch mit Bus und U-Bahn zu Skate-Spots, die abenteuerlicher waren: die „Rostlaube“ der Freien Universität in Berlin-Dahlem oder der Skate-Park „bei den Amis“ nahe der U-Bahnstation Oskar-Helene-Heim. Dort, wo sich noch lange viele Wohnsiedlungen des US-Militärs befanden, gab es alles, was unsere jugendlichen, Amerika-verrückten Herzen begehrten: den besagten Park mit Halfpipe und Miniramps, ein echtes Baseballfeld und einen McDonald’s.

Einmal wagten wir uns ganz weit raus – besser gesagt rein: ins Zentrum von Berlin. Wir hatten gehört, dass der Kulturtreff Yaam am Spreeufer zwischen Friedrichshain und Kreuzberg ein aufregender Ort sein sollte – mit Hip-Hop-Jams, Basketball-Court und einer großen Halfpipe. Die Brache, auf der sich der Club damals befand, war eine anderthalbstündige Irrfahrt von uns Südwest-Berliner Teenagern entfernt. Auf dem Weg dorthin stolperten wir über die ersten frei laufenden Neonazis, die wir je gesehen hatten, und als wir endlich ankamen, fanden wir den großen Außenbereich verwaist vor, und es hatte zwischenzeitlich geregnet, sodass aus der Halfpipe auch nichts wurde. Auf dem Rückweg machten wir uns noch die ganze Zeit wegen der Glatzen in die Hose.

Natürlich brachte alles Skate-Gehabe nichts, wenn man nicht wusste, was ein Ollie ist, ein Nollie Kickflip to 50-50, ein Fakie Nosegrind oder ein Switch Backside Bigspin. Es gab Dutzende dieser Begriffe, und man konnte sie nirgends nachlesen, außer verstreut in Magazinen (von denen man auch nur eine Handvoll besaß). Man musste sich sein Lexikon des Skate-Jargons mühsam zusammenklauben

Eines der wenigen Skate-Magazine, die der Autor als Jugendlicher besaß: das "Monster Skateboard Magazine", Nr. 117, 5/1996 Foto: privat / Noizz.de
Eines der wenigen Skate-Magazine, die der Autor als Jugendlicher besaß: das „Monster Skateboard Magazine“, Nr. 117, 5/1996; Foto: Privat

Die neue Lust auf die alten Subkulturen

Heute kannst du tragen, was du willst, und wahrscheinlich sogar Helene Fischer hören. Du kannst den Habitus von Philipp Amthor haben, und wirst nicht aus dem Skatepark gejagt. Du kannst sogar eine Frau sein – auch wenn Skaterinnen immer noch die Ausnahme sind. Ollie? Ist das der Typ da drüben? Wheelie? Sagt man das zu den Rollen? Egal. Es ist alles egal. Du kannst machen, was du willst. Hauptsache, du besitzt ein Skateboard – und wenn bloß als Accessoire.

Es gibt eine neue Lust auf die alten Subkulturen, und damit auch aufs Skaten. Aber man hat halt keine Lust auf Glaubenssätze. Man will kein Teil einer Religion sein, sondern einfach machen, was man will.


 
 
 
Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

We love supporting girls and women who skate! Swipe ⬅️ to see all of the rad clothes we now carry from @girlisnota4letterword along with the 1st comprehensive photography hardback book on girls skateboarding @itsnotaboutpretty • • Photos @elise_crigar @ianloganphoto @girlisnota4letterword • • • • • • • • • • • • • #girlisnota4letterword #skatelikeagirl #skatefashion #sk8ergirl #skaterfashion #skatergirls #skategirls #skategirl #skatergirlstyle #californication #longboardgirl #longboardgirlscrew #fashiongirlstyle #girlsshred #girlswhoskate #girlswhoshred #supportwomeninbusiness #supportwomen #girlsfashions #statusskateshop #sk8girl #longboardgirl #retrofashion

Ein Beitrag geteilt von Status Skateshop (@statusskateshop) am

Um zu sehen, wer plötzlich alles skatet, reicht (in Berlin) ein Blick auf die Fahrradwege, auf die Straßen und Bürgersteige von zentralen, trendbestimmenden Ortsteilen wie Kreuzberg, Mitte und Neukölln. Es sind noch nicht die Massen wie beim Longboard-Boom Anfang der Zehnerjahre, es sind unregelmäßige, vereinzelte Vorwehen, die die Wiedergeburt des Skateboards einläuten.

Wer sich abends auf Plätzen wie der vielbevölkerten Admiralsbrücke beim Biertrinken verliert, trifft 24-jährige Bohemiens wie Carlo, ein Römer, der in Berlin Elektro-Musik produziert. Er ist sicherlich kein klassischer Skater, sitzt aber inmitten seiner Expat-Freunde auf einem 90er-Jahre-Brett. Am schmiedeeisernen Geländer ruht gleichzeitig ein Großstadt-Hippie auf einem Skateboard derselben Machart und füttert seine Boombox mit Eurodance. Im nächsten Augenblick läuft ein Teenie vorbei, 16, maximal 17 Jahre alt, unter seinen Arm ein Nineties-Teil.

Andere Szenen aus den vergangenen Tagen: Ein Mittvierziger-Vater ist mit seinen beiden Kindern – ein Junge, ein Mädchen – im Grundschulalter unterwegs, beide mit Helm, beide mit Skateboard. Ein Student fährt auf seinem Rennrad vorbei, auf seinen Rücken hat er sich ein Skateboard gebunden. Ein anderer Radler transportiert sein Sportgerät auf dem vorne angebrachten Fahrradkorb. Als ich aus dem Fenster meiner Küche schaue, sehe ich im Hinterhof meine Hipster-Nachbarin mit einem neuen, noch achsenlosen Skateboard unterm Arm. Ich könnte zig solcher Augenblicke aufzählen.

Selbst auf dem Tempelhofer Feld, jenem Riesenspielplatz der Nation, auf dem sich seit Jahren Asphalt-Aficionados aller Couleur in der Abendsonne tummeln, von Inlineskates und Rollschuhen über Monowheels und Scootern hin zu Rollbrettern jeglicher Form und Funktion, wimmelt es von 90er-Jahre-Skateboards. Die viereinhalb Kilometer lange ehemalige Start- und Landebahn, der sechs Kilometer lange Rundweg, die unendlichen glatten Weiten reflektieren plötzlich wieder diesen Sound: surr, surr, surr, klack!, surr, surr, surr, klack!, klack!

Aber spinne ich mir da vielleicht nur etwas zusammen? Stimmen meine Beobachtungen? Oder sind sie reines Wunschdenken, Nostalgie, ohne Fakten, die sie untermauern?

Skate-Ikone Ralf Middendorf: „Mit deiner Beobachtung liegst du goldrichtig“

Ein Anruf bei einem, der’s wissen muss: Ralf „Ralle“ Middendorf. Der 52-Jährige ist eine deutsche Skate-Ikone. 1987 wurde er Profi-Boarder, noch im selben Jahr widmete ihm der Titus-Store ein eigenes Brett („Made by Santa Cruz in California“). Der erste Europäer, der einen McTwist stand, bis heute ein verdammt schwerer Trick. Seit damals arbeitet er ununterbrochen in verschiedenen Bereichen des Titus-Universums, dem Schrittmacher der deutschen Skateboard-Kultur.

Seit 2009 leitet Middendorf für das in Münster beheimatete Unternehmen die Produktentwicklung der Skateboard-Hardware, also Bretter, Achsen, Rollen, Kugellager, Schrauben, und, und, und. Er hat den Überblick darüber, was in den 25 Titus-Läden in Deutschland und im Online-Store am häufigsten verkauft wird.

„‚Popsicle‘ heißt die Skateboard-Form, die du meinst“, sagt Middendorf. „Und mit deiner Beobachtung liegst du goldrichtig: Wir haben das schon letzten Sommer gemerkt, mit unseren amerikanischen Zulieferern gesprochen und für dieses Frühjahr 20 Prozent mehr bestellt.“ Jackpot. Im März und April dieses Jahres hätte Titus was das gute alte 90er-Jahre-Skateboard – das Popsicle – angeht, Zuwächse von mehr als 150 Prozent gehabt. „Bis vor Kurzem waren wir ziemlich ausverkauft.“

Das Problem: Durch Corona mussten Anfang des Jahres die chinesischen Fabriken schließen. Und die sind weltweit die zweitwichtigsten Skateboard-Produzenten. Das führte zu Engpässen. Dann, China hatte die Epidemie gerade in den Griff bekommen, ging – Zitat Middendorf – „das Theater“ in Amerika und Mexiko los. „Die ganze Skateboard-Branche konzentriert sich gerade auf China. Wenn wir ein neues Produkt bestellen, braucht das fast ein Jahr.“ Statt 500 Boards habe man 1.000 Stück bestellt. Im März, April 2021 gäbe es vielleicht ein Loch. Danach sei man wieder eingedeckt.

Selbst der größte Skateboard-Produzent der Welt, die kalifornische Firma Skate One, leidet unter den verschärften Produktionsbedingungen der Corona-Krise. Das Unternehmen ist bekannt durch die alt-ehrwürdige Marke Powell-Peralta, ihr Gründer, George Powell, ist seit 44 Jahren im Skateboard-Business. „Wir liegen gegenwärtig mit der Produktion drei bis vier Monate zurück“, sagt Powell gegenüber „Capitol Weekly“. In seiner Fabrik in Santa Barbara arbeiten normalerweise 40 bis 60 Leute Tag und Nacht und stellen Bretter und Achsen her. Die Pandemie hat die Belegschaft auf ein Minimum reduziert. Man komme kaum mehr hinterher, und so ergehe es, sagt Powell, auch seinen Konkurrenten.

Gleichzeitig stellt er seit vergangenem Jahr einen Skateboard-Boom fest. „Wir haben seit dem Goldenen Zeitalter des Skateboards zwischen 1983 und 1989 keinen so großen Aufschwung mehr erlebt“, sagt Powell im „Capitol Weekly“. 2019 sei die Nachfrage nach Skateboards um 20 bis 25 Prozent gestiegen. Der amerikanische Traditionshersteller Independent hat letztes Jahr zum ersten Mal in seiner 42-jährigen Geschichte mehr als eine Million Achsen verkauft.

Sowohl Powell als auch Middendorf machen für den Boom einerseits verantwortlich, dass Skaten 2020 erstmals olympische Disziplin sein sollte. Diese Premiere wurde nun vorerst auf das kommende Jahr verschoben, was der allgemeinen Vorfreude aber wohl keinen Abbruch tut. Andererseits behaupten beide – und das ist nun wirklich höchst brisant –, dass die Corona-Epidemie viele dazu veranlasst habe, sich ein Skateboard zuzulegen. „Zu Beginn der Krise war ja alles zu: Turnhallen, Fitnessstudios, Sportvereine, Fußballplätze“, sagt Ralf Middendorf. „Die Leute saßen alleine drinnen, während draußen die Sonne schien.“ Offenbar kam da vielen von ihnen unabhängig voneinander derselbe Gedanke: Warum nicht einfach Skateboarden?

Man muss aber nicht erst mit Skate-Ikonen sprechen, um der Rollbrett-Revival auf die Schliche zu kommen. Es reicht ein Blick auf Google Trends. Dort sieht man, dass die Suchanfragen für das Wort „Skateboard“ genau zu jenem Zeitpunkt in die Höhe schossen, als Angela Merkel zum ersten Mal in Sachen Corona an die Deutschen appellierte: nämlich in der zweiten Märzwoche. So hoch wie zwischen März und August war der Wert zuletzt 2004.

So oft wurde "Skateboard" zwischen 2004 und 2020 gegoogelt
So oft wurde „Skateboard“ zwischen 2004 und 2020 gegoogelt; Foto: Google / Screenshot

Ist also vor allem ein Virus schuld am grassierenden Skateboard-Fieber?

Jein.

Das Rollbrett-Revival und die 90er-Jahre-Renaissance

Der neuerliche Skateboard-Hype deutete sich nämlich bereits seit spätestens 2015 an und surft auf einer Welle, der wir uns schon seit Längerem hingeben: der 90er-Jahre-Renaissance. Eine Wiedergeburt jenes Jahrzehnts findet ja seit geraumer Zeit in fast allen Lifestyle-Bereichen statt – besonders in Mode und Musik.

Im Zuge dessen instrumentalisierten Fashion-Brands auch das Skateboard für ihre Zwecke. Den Anfang machte das „Thrasher“-T-Shirt. 2015 zeigten sich plötzlich Stars wie Ryan Gosling mit dem Flammenlogo des traditionsreichen Skateboard-Magazins. Die Luxus-Marke Vetements platzierte es auf einem Oversize-Hoodie, den sie für 1.000 Dollar verkaufte. Danach war kein Halten mehr: Billig-Reproduktionen des Logo-T-Shirts fluteten den Markt, 2016 trugen es erste Influencer*innen, dann – bis heute – quasi jede*r. H&M und Forever 21 entwarfen sogar eine Abwandlung des ikonischen Designs, und R13 verkaufte seine Version des Hinguckers für knapp 300 Euro.

Das Fake-"Thrasher"-T-Shirt von "H&M" – und die Reaktion darauf in einem "Thrasher"-Tweet Foto: thrashermag / Twitter
Das Fake-„Thrasher“-T-Shirt von „H&M“ – und die Reaktion darauf in einem „Thrasher“-Tweet; Foto: thrashermag / Twitter
NOIZZ_90er_Jahre_Skateboard_5
Der Fake-„Thrasher“-Hoodie von Forever21 – samt Instagram-Reaktion von „Thrasher“; Foto: thrashermag / Instagram
NOIZZ_90er_Jahre_Skateboard_6
Die R13-Version des Thrasher-Logos; Foto: R13 / Promo

Der damalige „Thrasher“-Chefredakteur Jake Phelps distanzierte sich sofort von dem Hype: „Wir senden keine Produkte an Justin Bieber oder Rihanna oder solche verfickten Clowns“, sagte er in einem „Hypebeast“-Interview. (2012 hatte er bereits ähnlich harsch darauf reagiert, dass Rapper wie Tyler the Creator und ASAP Rocky „sein“ T-Shirt auf Festivals getragen hatten: „Wenn du dich so anziehst und noch nie Skateboard gefahren bist, dann weißt du, dass du dich selbst verfickt noch mal belügst“, sagte er damals gegenüber „Dazed“.)

Gleichzeitig entdeckten Hypebeasts Skate-Klamottenmarken wie Palace und Supreme. Letztere, die schon 2012 mit der Avantgarde-Brand Comme des Garçons kooperiert hatte, erging es dabei ähnlich wie „Thrasher“. T-Shirts mit dem prägnanten Logo überschwemmen mittlerweile als Fälschung jeden Schwarzmarkt. Mit Skateboard-Kultur hat das nichts mehr zu tun. Dasselbe gilt für die Sneaker-Marke Vans. Außerhalb der Szene trug sie lange niemand – außer „Sk8er Girl“ Avril Lavigne und Mitglieder von Nu-Metal-Bands. Dann kam 2016 der Rapper Frank Ocean, trug sie zum Dinner im Weißen Haus, und plötzlich wollte sie jede*r haben. (Die Marke hatte den Grundstein zum Image-Wechsel weg von der Skater- hin zur allgemeinen Lifestyle-Marke allerdings schon 2012 gelegt, wie „Business Wire“ damals berichtete.)

2016 war folglich das Jahr, in dem die Skate-Fashion mainstream wurde. Die „Vogue“ lancierte damals sogar eine „Skate Week“, die bei richtigen Skater natürlich auf Hass stieß („Suck our vaginas!“, skandierte man auf Instagram). Es folgte die Wiederauferstehung zahlreicher Skate-Klamottenmarken wie Dickies, DC Shoes und Stüssy.

2018 kam Jonah Hills Film „Mid90s“ raus (NOIZZ berichtete), der die 90er-Jahre-Renaissance mit dem Rollbrett-Revival vereinte. (Hill hatte 2016 bereits in einem Werbeclip für Palace x Reebok mitgespielt.) Im August verkündete die Mainstream-Hippness-Kette Urban Outfitters stolz auf Instagram: „Wir haben jetzt Skateboards!“ Und im September erfuhren die ersten beiden „Tony Hawk’s Pro Player“-Spiele eine Neuauflage.


 
 
 
Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

We’ve got skateboards!

Ein Beitrag geteilt von Urban Outfitters Europe (@urbanoutfitterseu) am

Aber warum greifen wir in Zeiten von Corona gerade zu einem Holzbrett mit Rollen, wo es doch zig andere Sportarten gibt, die man alleine, abseits von klassischen In- oder Outdoor-Stätten treiben kann? Warum gerade diesen Teufelskerl-Sport in seiner 90er-Jahre-Version? Genau deshalb: wegen seines Charakters, und weil er als Zeitmaschine fungiert.

Das Skateboard als Gegengift für Corona

Zwei wesentliche Eigenschaften der Corona-Epidemie sind ja, dass sie erstens eine unsichtbare Gefahr darstellt, etwas, das tödlich für uns sein kann, ohne dass wir es je gesehen haben, eine immaterielle Bedrohung, etwas Körperloses, gleichsam nicht von dieser Welt.

Zweitens ist sie aber dadurch gegenwärtig, dass sie in unseren Lebensraum eingedrungen ist und unsere Welt in höchstem Maße bestimmt. Sie hat uns wieder zu Höhlenbewohner*innen gemacht, die draußen den Säbelzahntiger fürchten. Die Angst vor ihr legt sich wie ein Schleier über all die anderen Ängste, die die Gegenwart bestimmen: Angst vor einem Terroranschlag, Angst vor der Klimakatastrophe, Angst vor finanziellem Abstieg, Angst vor einem Dritten Weltkrieg. Corona ist das weiße Angst-Rauschen, das uns gerade noch gefehlt hat.

Und da kommen uns das gute alte Skateboard und seine 90er gerade recht. Denn Skateboarding ist ein zutiefst körperlicher Sport. Rau, roh, hart, brutal. Deshalb geben die meisten Anfänger auch nach einem halben Jahr auf. Die Gefahr beim Skaten ist ganz augenscheinlich, die Verletzungen spürt und sieht man sofort: die Schürfwunden und blauen Flecken, das Blut, den Schorf, den Knochenbruch. Das ist alles sehr von dieser Welt. Und so treibt man den Teufel mit dem Beelzebub aus und betäubt geradezu dialektisch jene fiese, hinterlistige, unehrliche, unsichtbare, geradezu jenseitige Angst mit einer äußerst diesseitigen. Denn was fühlt sich aufrichtiger an, als sich auf die Nase zu legen?


 
 
 
Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

DAMN IT FEELS GOOD TO BE A SKATER #skate #skateboard #skateboardingisfun #wounds #skatewounds @love_skateboarding__

Ein Beitrag geteilt von Lionel Ondoa (@lionelondoaohl) am

Auch sind die smoothen Longboard-Zeiten vorbei: Man will die Wirklichkeit des Asphalts unter sich spüren – mit Hilfe von harten Rollen und Achsen.

Außerdem war Skaten auch immer ein „Reclaim the streets“-Sport. Es ging darum, den öffentlichen Raum zurückzugewinnen – von der bösen Erwachsenenwelt. Von den Firmen, Einrichtungen und Privatpersonen, die ihn einfach für sich beansprucht hatten. Man kletterte über Zäune, brach in Grundstücke ein, besetzte bzw. beskatete Plätze – und fuhr natürlich durch die Stadt, in dem Bewusstsein: Das alles gehört jetzt wieder uns. Wenigstens in den Augenblicken, in denen wir es mit unserem Sound bespielen: surr, surr, surr, klack!, surr, surr, surr, klack!, klack!

Dasselbe machen die Skateboarder jetzt wieder. Sie holen sich den Raum zurück, den Corona ihnen weggenommen hat. Und fühlen sich auf ihrem Brett vielleicht sogar ein bisschen weniger verwundbar.

Die 90er-Jahre-Renaissance als Schutzschild gegen die Welt

Aber da ist auch noch der Zeitreise-Aspekt. In den 90ern waren die meisten von uns – ich spreche hier von den Millennials – entweder Kinder oder Jugendliche. Die 90er waren zwar keine weniger Krisen-gebeutelte Zeit, als es unsere Gegenwart ist – die ersten Folgen der Deutschen Einheit, brennende Asylbewerberheime, Kriege in Ex-Jugoslawien, im Nahen Osten und in Tschetschenien, zum ersten Mal über vier Millionen Arbeitslose, Castor-Transporte und CDU-Spendenaffäre. Und hinter dem Horizont des Jahrzehnts sah man schon die zwei rauchenden Türme, die die Welt für immer verändern würden.

Aber wir, wir waren noch jung, waren zum ersten Mal verliebt, dachten, wir würden einst alles besser machen, fühlten uns nicht verantwortlich für all den Mist, den die Erwachsenen bauten. Außerdem wohnten wir ja noch zu Hause – in mit Starschnitten tapezierten Panic-Rooms, in denen wir uns in Sicherheit wähnten, egal, was draußen gerade geschah. Wir konnten uns sorglos durch unsere Jugend kifften, Nirvana oder Tupak hören, zaghaft anwenden, was wir auf den „Liebe, Sex & Zärtlichkeiten“-Seiten der „Bravo“ gelernt hatten. Und wenn wir mit Edding „Fuck Chirac“ auf unsere Eastpaks und Armee-Rucksäcke schrieben, von denen abgebrochene Mercedes-Sterne hingen, machten wir das vor allem, weil das Wort Fuck (das sich auch noch auf Jaques reimte) genauso viel Spaß machte wie die aggressiven Antifa-Parolen auf den gelben Spuckis, die wir in der ganzen Stadt verteilten.

Dass wir überteuerte Klamotten trugen, die unter miserablen Bedingungen in Sweatshops hergestellt worden waren, dass wir nach der Anti-Atomtests-Demo bei McDonald’s geschredderte Küken aßen, interessierte wirklich niemanden von uns. Wir konnten uns kopflos in all den Trash fallen lassen, den die Dekade für uns bereit hielt. In all den Konsum, die Geschmacklosigkeiten, den Hedonismus, den Fun. In gefährlichen Sport wie Skateboarden. Denn das Leben selbst barg noch kein Risiko.

Dieses Gefühl möchten wir mit unserer 90er-Jahre-Retromanie und mit dem Skateboard, das wir wieder ausgraben oder neu für uns entdecken, wieder heraufbeschwören. An die Wohligkeit, den Kokon, der uns umgab. Es dient uns als Schutzschild gegen die Welt, die gerade wieder zu kollabieren droht. Corona war der Tropfen, der das Fass zum überlaufen brachte. Die 90er sind wie eine Droge, die alles weich und angenehm macht, so als ob die Perwoll-Werbung von damals wahr würde. Wie Ecstasy, jene Knuddeldroge, die in jenem Jahrzehnt ihre erste Hochzeit hatte. Das Skateboard ist unser Vehikel dahin. Auf ihm rollen wir direkt hinein in die fluffige, weiche Wohlfühlwatte.

Es gibt noch einen weiteren, banaleren, unspektakuläreren weil pragmatischeren Grund für das Pandemie-bedingte Rollbrett-Revival, und der betrifft die Alten von uns – und mit alt meine ich alle über 30. Ich spreche von den „Skategeezern“ oder „Rad Dads“, wie mittelalte Skater genannt werden, die sich sogar in Facebook-Gruppen wie „Very Old Skateboarders“ austauschen, am liebsten über ihre Verletzungen.

Das „ZEITmagazin“ hat diesem Phänomen, das nicht erst seit Corona existiert, vergangenen Herbst einen eigenen Artikel gewidmet. (Es betrifft leider mal wieder nur Männer.) Jetzt verlassen aber auch jene Skate-Rentner ihren Action-Ruhestand, deren letztes, altes, zerschundenes Board eigentlich nur noch als Deko über der Ligne-Roset-Couch im Wohnzimmer hing.

Das „Baltimore“-Magazin hat im August für die gleichnamige US-Stadt festgestellt, dass die Umstände der Corona-Pandemie viele 30-bis-40-jährige Bewohner wieder aufs Skateboard hat stehen lassen. Es ist dort von „Frühaufstehern“ die Rede, die die frühen Morgenstunden zuvor damit verbrachten, mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit zu fahren, ihre Kinder für die Schule fertig zu machen oder bei Starbucks anzustehen.

Baltimore ist von Berlin zwar Luftlinie mehr als 6.600 Kilometer entfernt, das Phänomen scheint aber dasselbe zu sein: Quarantänemaßnahmen, Kurzarbeit, Homeoffice oder allgemein ein flexiblerer Umgang mit Arbeitsorten und -zeiten haben dazu geführt, dass viele das erste Mal seit Jahren im Hamsterrad endlich wieder ein wenig Luft oder überhaupt einen Kopf für Hobbys wie das Skaten haben – ob vor, nach oder statt dem Arbeiten oder in der ausgedehnten Mittagspause. Vielleicht fangen ihre Kinder bald selbst an zu skaten.

Skaten hat für all die „Rad Dads“, die jetzt wieder Muße dafür haben, auch etwas Nostalgisches. Sie merken die ersten Zuckungen der Midlife-Crisis und besinnen sich noch mal auf jene Zeit in ihrem Leben, als sie noch Ideale hatten, Pläne, Träume, als alles noch offen war, die Zukunft noch ungewiss, die Gegenwart aber so real wie der Schmerz nach einem Skateboard-Sturz.

Corona hat ihr langweiliges Leben zwar nicht zu einem Abenteuer werden lassen – dazu ist die Gefahr der Pandemie wie beschrieben nicht anfassbar genug –, aber es hat ihnen ermöglicht, wieder abenteuerlicher zu leben: und sei’s eine halbe Stunde am Tag auf dem Weg zur Arbeit auf dem Brett.

Es ist also wahr: Das gute alte 90er-Jahre-Skateboard ist zurück. Und zwar nicht mehr nur in der Mode, sondern auch als Impfstoff gegen die Begleitumstände der Covid-19-Epoche (und in manchen Fällen die des Älterwerdens). Bleibt zu hoffen, dass das Virus bald verschwindet, und das Surren, Rattern und Klackern trotzdem bleibt.

Latest from Blog

css.php