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Hipster-Regisseur Harmony Korine: Hat „The Beach Bum“ das Zeug zum Kult-Film?

Gestatten, Moonlight!; Foto: Constantin

(Dieser Text erschien am 30. März 2019 auf NOIZZ.de)

1998 war ein gutes Jahr für das Genre Kult-Film. Es kamen gleich zwei Streifen heraus, die sowohl durchgeknallt als auch genial waren – eine seltene, alle paar Jahre vorkommende Kombination, die einen Kult-Film ausmacht. Es handelte sich einerseits um The Big Lebowski, andererseits um Fear and Loathing in Las Vegas. In beiden Filmen waren Alkohol und andere Drogen dauerpräsent; die Charaktere trugen Namen wie Dude, Duke und Gonzo und eigenartige bis schräge Kleidung – Morgenmantel, Hawaii-Hemd, Fischerhut. Der Soundtrack war dope, der Cast sowieso.

Das wichtigste Merkmal von Kult-Filmen ist aber wahrscheinlich die Diskrepanz zwischen augenblicklicher (auch eigener) und späterer Kritik. Kult-Filme spielen kaum etwas ein, werden zuerst komplett verrissen („grässliches Wirrwarr, formlos, handlungslos, sinnlos“), dann aber, ein paar Jahre später, geradezu kultisch verehrt („so großartig, dass man den Mund nicht mehr zubekommt“).

All das trifft auch auf The Beach Bum zu, den neuen Film von Hipster-Regisseur Harmony Korine. Dieser hatte sich schon in seinem letzten Streifen, Spring Breakers, in überdrehter Weise mit Sex, Drogen und Feierei beschäftigt. In The Beach Bum geht’s zwar erst einmal wieder um dieselbe Dreifaltigkeit, allerdings nicht bei einer College-Clique, sondern im Leben des Schriftstellers Moonlight.

Und da haben wir ihn schon, den Protagonisten, der zur Kult-Figur werden könnte: kultiger Name, kultige Optik (Hawaii-Hemden und -Hosen, glänzende Morgenmäntel, Flip-up-Brillen), kultiges Schauspiel (Matthew McConaughey).

Moonlight lebt im Süden Floridas, ist mit der reichen Minnie (Isla Fisher) verheiratet, hat eine jungerwachsene Tochter (Stefania LaVie Owen) und irgendwann mal ein Kult-Buch geschrieben, aus dem er auf der Bühne Penis-Texte rezitiert. Seitdem ist karrieretechnisch aber nicht viel in seinem Leben passiert. Was auch daran liegen kann, dass er permanent kifft oder trinkt oder beides miteinander kombiniert. Das extensive Zelebrieren von Gras- und Alk-Konsum mag nicht jeder Zuschauer goutieren. Wer Gefallen daran findet, Kiff und Suff in all seinen Erscheinungsformen virtuos vor Augen geführt zu bekommen, kommt bei The Beach Bum auf seine Kosten.

Wie Moonlight in der einen Hand sein kleines weißes Kätzchen hält, in der anderen ein Dosenbier der Marke Papst Blue Ribbon, wie er kiffend in einen Swimmingpool steigt, untertaucht und in U-Boot-Manier seine Joint-Hand oberhalb des Wassers parkt, wie er nur mit einer Shorts bekleidet am nächsten Great American Novel schreibt, Beine weit gespreizt auf dem Tisch, dazwischen Rotwein, Bücher und Bong, die rote Schreibmaschine im Schoß – solche Szenen bleiben hängen, und von ihnen gibt es nicht wenige.

Moondog beim Schreiben; Foto: Constantin

Natürlich, manches ist over the top: der überlebensgroße Joint, der Flug mit einem blinden Piloten, das Bein, das seinem Kompagnon Captain Wack (Martin Lawrence) von Haifischen abgebissen wird, weil dieser in die See sprang, weil er dachte, es handelte sich um Delphine.

Aber dann wieder Sprüche, die das Zeug dazu haben, auf Film-Gottesdiensten rezitiert zu werden: „I like to have fun. Fun is a motherfucking gun. I just wanna have a good time.“

Den Star-Cast hätte man gar nicht gebraucht. Klar freut uns jeder Auftritt von Hip-Hop-Legende Snoop Dogg als Rapper Lingerie, Zac Efron mit schlimmem Zebra-Bart und Jonah Hill als kampftrinkendem Literaturagenten. Aber die Story lebt eben von Moondog, nicht von seiner Entourage.

Snoop Dogg als Lingerie
Snoop Dogg als Lingerie; Foto: Constantin

Eigentlich hat The Beach Bum keinen Plot – und genau das ist der Punkt am Film. Es geht nicht darum, dass irgendwas passiert – auch wenn im Kleinen dauernd ganz viel passiert. Es geht darum, einem Menschen nachzuspüren, der vollkommen losgelöst von allem und allen lebt. „What is wrong with you?“, fragt seine Tochter ihn. Alles und nichts, wäre die Antwort, für die sich Regisseur Harmony Korine 95 Minuten Zeit lässt. Moondogs Ehefrau fässt sich zwar kürzer, bleibt dafür aber umso esoterischer: „Moondog is from another dimension.“

Der Film endet in einer Apokalypse. Verstörend, befreiend, manch einen bereichernd. Nur Moondog verliert dabei wieder mal etwas – materiell gesehen. Der Freigeist selbst empfindet sein zerstörerisches Feuerwerk als Bereicherung und feiert es wie all seinen Quatsch und Schabernack. Keiner kommt zu Schaden, höchstens er selbst. Aber für ihn scheint das kathartische Feuer dasselbe zu sein wie seine Dichtung. „Great poetry …, a fucking blast“, wie es nach einer seiner Lesungen heißt.

Kult? Das kann man heute noch nicht sagen, dieses Urteil muss die Zukunft fällen. Das Zeug dazu hat The Beach Bum sicherlich. Und falls nicht, erfahren wir wenigstens, was wir verpassen, während wir Work-Life-Balance-technisch versagen.

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