Martin Luther als Playmobil-Figur

Martin Luther Playboy

Fürwahr, es stimmt! Als Beitrag zur sogenannten Luther-Dekade, die noch bis 2017 andauert, gießt der Zirndorfer Spielzeughersteller Geobra Brandstätter den deutschen Reformator in Plastik.1

In einer Hand trägt er einen Federkiel, in der anderen eine aufgeschlagene goldfarbene Bibel. Auf ihrer linken Seite steht (in angedeuteter Fraktur) “Bücher des Alten Testaments ENDE”, auf der rechten “Das Neue Testament übersetzt von Doktor Martin Luther”. Das Antlitz des Kunststoff gewordenen Erzreformators sieht jünger, glatter aus als auf dem berühmten Porträt von Lucas Cranach d. Ä. (1528); das Haupthaar länger – fast bis schulterlang. Dennoch ist er unschwer zu erkennen. Dafür sorgen – abgesehen von den unzweideutigen Attributen – das schwarze Barett und der schwarze Talar.2

Die Bedeutsamkeit dieses neuen Klickys kann kaum überbewertet werden – und zwar seine Bedeutsamkeit für das playmobile Mittelalter. Denn wenngleich Martin Luther die Neuzeit miteinläutete, entstammte er doch auch ganz dem Mittelalter. (Dem entspricht Geobra Brandstätter sogar, indem es seinen 7,5-Zentimeter-Reformator in die ehrwürdige Spielwelt der Knights einordnet.) Und dass solch ein Neuzugang bruchstückhaft ein zentrales Manko jener Plastikepoche ausgleicht, nämlich das Fehlen der geistlichen Sphäre, wird aus meinem Aufsatz Das playmobile Mittelalter deutlich, den ich vergangenes Jahr veröffentlicht habe.3 Darin schrieb ich:

Dass dabei [d.h. bei der Ausgestaltung des playmobilen Mittelalters] auch der Bauernstand bedacht wird, unterstreicht das Bemühen, das playmobile Mittelalter zu vervollständigen.4 Gleichzeitig wird dies aber grandios versäumt, indem man gänzlich darauf verzichtet, die geistliche Sphäre abzubilden. Keine Kathedrale, welche die mittelalterliche Stadt noch bis heute prägt, keine Kirche, kein Konvent, kein Tabernakel, keine Heiligenstatue. Ganz zu schweigen vom entsprechenden Personal: Papst, Kardinal, Bischof, Priester, Mönch, Nonne und/oder Glöckner.

Dabei postuliert Playmobil auf der Rückseite des Faltkatalogs von 1977 mit pädagogischem Impetus, dass sein Mittelalter “die Vergangenheit und die Geschichte wieder erwachen [lässt]”. “Spielen und lernen”, lautet dort das Motto.5 Andere Epochen und Kulturen verfügen über das Sakrale – die Indianer haben ihren Schamanen samt Totem, der Wilde Westen eine Kapelle mit Reverend. Und entzaubert ist das Plastikuniversum ja auch keineswegs: Es gibt Märchen aus Tausend-und-einer-Nacht, einen übervollen Zauberwald, ein Schlossgespenst, einen Vampir und einen Teufel (!) sowie ein pastellenes Märchenschloss.6

Selbst das Christentum blitzt hie und da auf – in Form der Arche Noah, eines Krippenspiels, der Heiligen Drei Könige, dem Heiligen Martin und einer zeitgenössischen Nonne. Das einzige, was man dem Mittelalter bewusst7 an geistlicher Sphäre gönnt, ist 1994 ein feister Bettelmönch.8

Im Geiste dessen fordert seit Montag eine von Bernd Becker, dem Geschäftsführenden Direktor des Evangelischen Presseverbands in Bielefeld, initiierte Facebook-Petition eine Wartburg für [den Playmobil-]Luther (und verpasst ihrem playmobilen Luther-Avatar gleich einmal eine Mönchstonsur). Das erste Posting:

Luther darf nicht allein bleiben! So erfreulich es ist, dass Playmobil eine Luther-Spielfigur heraus gebracht hat, steht der Reformator verloren da: Keine Wartburg, kein Friedrich der Weise, kein Papst, kein Karlstadt, kein Tintenfass. Gebraucht wird auch dringend Katharina von Bora und ein Ergänzungsset “Junker Jörg”. So kommt einfach keine rechte Spielfreude auf. Kinder müssen auf unpassende Ersatzprodukte zurückgreifen, etwa die Playmobil Kirche (21. Jh.), die Playmobil-Krippe (!) oder die “Geheime Drachenfestung”. Die Luther-Figur wurde sogar schon in der “Großen Asia-Drachenburg” und im “Filly Einhorn Regenbogenturm” gesichtet. Das kann nicht sein.

Und anstatt auf Playmobil zu hoffen und zu warten, schlägt die Facebook-Seite selbst Spielsets vor: Luther auf der Wartburg (drei Figuren [Junker Jörg, Friedrich der Weise, der Teufel], Schreibtisch, Septembertestament, Tintenfass mit Feder, Kachelofen, Tintenklecksaufkleber), die “Lutherin” Katharina von Bora (Rechentisch, Buch, Vorräten) und Johann von Tetzel (Pferd, Wagen, Sack, Kiste mit Goldmünzen, Ablassbrief).

Die Welt reagierte darauf mit Zweifel: “Finden es kleine Jungs wirklich sooooo toll, mit Melanchthon zu spielen? Gerade wenn die anderen aus der Klasse die mit schweren Streitäxten bewaffneten Löwenritter haben. Oder einen Piratenkapitän, der an der Kanone steht …”

Playmobil selbst watschte die Bittschrift mit einem anderen Beweisgrund ab: “Wir haben in unseren Bausätzen bereits alles vorhanden, damit sich jeder seine eigene Wartburg bauen kann”, sagte Sprecherin Anna Ermann gegenüber dem Bayerischen Rundfunk. Auch Zeitgenossen oder Wegbegleiter des Reformators könnten mit den vorhandenen Bausätzen fantasievoll und kreativ hergestellt werden.

Das playmobile Mittelalter muss sich folglich mit dem begnügen, was ihm dieser Tage geschenkt worden ist. Ein Martin Luther. Mit deutscher Bibel. Das ist für den Kunststoff-Klerus schon viel!

Anmerkungen

  1. Mitentwickelt haben den Luther-Klicky die Congress- und Tourismus-Zentrale Nürnberg und die Deutsche Zentrale für Tourismus (DZT). Erstere brachte bereits vor drei Jahren zusammen mit Geobra Brandstätter einen Playmobil-Albrecht-Dürer heraus – pünktlich zur Ausstellung Der frühe Dürer im Germanischen Nationalmuseum. Ausgestattet wurde der so genannte kleine Albrecht Dürer mit einem Renaissance-Outfit samt Pinsel, Palette, Staffelei und dem bekannten Selbstbildnis mit Landschaft (1498). Dessen Original hängt im Prado in Madrid und durfte erst nach Vermittlung des Germanischen Nationalmuseums aufs Kunststoffholz gebracht werden (wie aus der Beschreibung auf der Website der Congress- und Tourismus-Zentrale Nürnberg hervorgeht).
  2. Zu den Lutherbildnissen Lucas Cranach d. Ä. siehe HOLSTE, TANJADie Porträtkunst Lucas Cranachs d. Ä., Phil. Diss. masch., Kiel 2004, S. 165-192.
  3. LORENZ, MANUEL, Das playmobile Mittelalter, in: SZABO, SACHA und KÖPPER, HANNAH (Hg.), Playmobil durchleuchtet: Wissenschaftliche Analysen und Diagnosen des weltbekannten Spielzeugs (Studien zur Unterhaltungswissenschaft, Bd. 7), Marburg 2014, S. 97–107.
  4. Playmobil-Erfinder Hans Beck sagte einmal – allerdings in einem anderen Kontext –, dass, wenn man das Bild einer vergangenen Zeit zeichne, man all seine Seiten zeigen müsse. Siehe WALKER, RUTH, One Man’s Tiny Plastic Universe, in: The Christian Science Monitor, 7. Oktober 1997, S. 2.
  5. 2010 wird Playmobil wieder pädagogisch. Die Spielzeughersteller veröffentlicht das 16-seitige Ritter-Booklet Großes Wissen über die Ritter, das einerseits die aktuelle Ritterkollektion vorstellt, diese aber gleichzeitig auch erläutert. Dabei geht es um (Raub-)Ritter, Burgen, Rüstung, Waffen, Angriff und Belagerung. 2012 legt Playmobil die Bäckerei neu auf – kaum merklich anders als jene von 1977. Außerdem wird ein großes Fachwerkhaus mit Stall eingeführt.
  6. Siehe dazu auch den Abschnitt Das andere Mittelalter, in: Lorenz, ebd., S. 105f.
  7. Die Ordensritter gehören als miles Christi natürlich auch in die geistliche Sphäre. Es ist aber kaum anzunehmen, dass dies dem Spielzeughersteller bewusst ist. Dasselbe gilt für die Ritterbünde, welche die Löwenritter (u.a.) darstellen könnten. Diese Gesellschaften kennzeichnete nämlich u.a. der Eid auf ein reges religiöses Leben – weswegen sich manche von ihnen auch nach Heiligen benannten. Siehe RANFT, ANDREAS, Art. “Ritterbünde, -gesellschaften”, in: Lexikon des Mittelalters, Bd. 7, Stuttgart u.a. 1995, Sp. 876f.
  8. Kirchengebäude sind bei Playmobil nicht sonderlich populär. Das Spielwelt 1900-Brautpaar von 1994 hat zwar eine Festtafel, eine dreistöckige Torte und eine Kutsche – eine Kirche samt Priester gibt es allerdings erst bei jenem zeitgenössischen Brautpaar von 2008.

[Bild: Promo]

Dieser Beitrag wurde in Spiel veröffentlicht und getaggt , , , , , , , , . Ein Lesezeichen auf das Permalink. setzen. Kommentieren oder einen Trackback hinterlassen: Trackback-URL.

Einen Kommentar hinterlassen

Ihre E-Mail wird niemals veröffentlicht oder weitergegeben. Erforderliche Felder sind mit * markiert

*
*

Sie können diese HTML-Tags und -Attribute verwenden <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

css.php