Martin Walsers erstes Selfie

Geschossen hat es nicht etwa der Schriftsteller selbst, sondern ZEITmagazin-Chef Christoph Amend am Montagabend im Militärhistorischen Museum der Bundeswehr in Dresden bei einer Lesung und Diskussion von und mit Martin Walser (aus und über Die Verteidigung der Kindheit).

Und ganz so abwegig, wie es zuerst scheint – Waigel’schen Augenbrauen traut man aus welchen Gründen auch immer das smartphonegeborene Selbstporträt nicht zu (vielleicht wegen des augenscheinlichen Gegensatzes von kauziger Buschigkeit und kaltglatter Oberfläche) –, ist es am Ende dann doch nicht. In Der Lebenslauf der Liebe (2001) lässt Walser seine Protagonistin Susi Gern mit einem Handy telefonieren, obwohl es – wie Thomas Steinfeld in seiner Rezension des Romans für die Süddeutsche Zeitung bemerkte – 1974 noch gar keine Handys gab! Und im Briefroman Das dreizehnte Kapitel (2012) schreiben sich Basil Schlupp und Maja Schneilin irgendwann nicht mehr analoge Briefe, sondern solche, die mit der Signatur “Von meinem iPhone gesendet” enden – “vielleicht [auch] als Tribut des Autors an die junge Generation”, wie damals Jan Wiele in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung mutmaßte. (Wiele stellt auch gleich im zweiten Absatz die Frage “Was hat ein Martin Walser der Generation Twitter noch zu sagen?” und hüllt damit den Rest seiner Besprechung in einen Nebel aus Einsen und Nullen.)

Von Lutz Seiler, dem Gewinner des Deutschen Buchpreises 2014, oder aber auch von anderen prämierten deutschen Autoren der Gegenwart habe ich noch kein Selfie gesehen. Ich hab’ aber auch (aus nebulösen Gründen) noch nicht wirklich richtig danach gesucht.

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