Wo ich war, als Deutschland Weltmeister wurde

Deutschland steht im WM-Finale, und ich sitze im ICE 377 von Berlin nach Freiburg. Erklärt mich für geisteskrank, nennt mich Vaterlandsverräter, aber ich schwöre bei der Wade des Khedira: Es ließ sich in keiner Weise umgehen.

Seit 16:32 Uhr habe ich Zeit, darüber nachzudenken, wie ich das Spiel doch irgendwie mitkriegen kann, finde heraus, dass selbst in der 1. Klasse kein Fernseher steht – und, dass das Zug-WLAN nicht funktioniert. Liveticker auf dem iPhone? Leider Fehlanzeige. Nicht in den EDGE-Landschaften zwischen Taunus und Breisgau.

Plötzlich: ein Geistesblitz Thomas-Müllerscher Helligkeit. Warum nicht um 20:50 Uhr in Frankfurt aussteigen, in einer Bahnhofskaschemme die erste Halbzeit schauen und um 22:06 Uhr mit dem letzten Zug weiterfahren? Gedacht, getan, bei Karim ein Bier bestellt, mit einem Eintracht-Frankfurt-Opa (“Ei, so gewinne mer ned!”) und seiner Frau (“Wer spielt noch mal? Isch hab’s vergesse!”) die ersten 45 Minuten geschaut, gezahlt, zum Gleis 6 gerannt.

Im ICE 1173 ein Glücksmoment: Das WLAN geht! Zumindest ansatzweise! Die zweite Hälfte der zweiten Halbzeit also per Radio-Livestream des WDR. Fußballhören wie damals! Sich abwechselnde, überschlagende Reporter! Müller. Schürrle. Schürrle! Nein. Messi. Messi. Messi! Uff. Dann: Verlängerung und Karlsruhe. Also umsteigen in den ICE 605. Und auch dort geht das Internet.

Ottersweier, Sasbach, Renchen, Tor. Tor! Tooor! Götzeeee! Tooooor! Der Radioreporter ist aus dem Häuschen, vereinzelnde Zugreisende applaudieren zaghaft, die Zugführerin macht eine Durchsage: “Meine Damen und Herren, Mario Götze hat soeben das 1:0 für Deutschland erzielt!” Entgleister Jubel der ICE-Belegschaft. Dann noch mal Messi, dann endlich Schluss.

00:20 Uhr am Hauptbahnhof Freiburg: nie gesehener Fanmeilenwahn. Der Schienenersatzverkehr ist quasi blockiert; ich ziehe meinen Koffer durch die schwarz-rot-goldene Masse. “Doitschlaaand, Doitschlaaand, Doitschlaaand, Doitschlaaand!” Zuhause schalte ich den Fernseher an und schenke mir ein Glas Rotwein ein. Bilder, Stimmen, Analysen. Ich freu’ mich: Ich bin Weltmeister geworden. Nach 1990 das zweite Mal.

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