Leserbrief: Der Campanile liegt nicht auf der Giudecca

San Giorgio Maggiore

Sehr geehrter Tobias Timm,

mit großer Begeisterung habe ich am Donnerstagmorgen wahrgenommen, dass im dieswöchigen ZEIT-Faszikel Reisen ganze vier Seiten Venedig gewidmet sind. Als Alumnus des Centro Tedesco di Studi Veneziani freue ich mich über jede Kunde aus der Serenissima. Allein, ich fiel fast vom Fauteuil, verschüttete beinahe meinen Rois des Earl Grey, als ich in Ihrem vor allem der zeitgenössischen Bildenden Kunst zugedachten Rundgang Schwankende Schönheit über folgende Zeile stolperte:

Mit ihnen [i.e.: den neun Skulpturen des US-amerikanischen Künstlers Paul McCarthy in einem Saal der Punta della Dogana] blicke ich durch ein halbrundes Fenster auf die Giudecca, die gegenüberliegende Insel, auf der eine baugleiche Kopie des Campanile in den Himmel sticht.

Welch Erratum! Der Campanile gehört zu San Giorgio Maggiore, und San Giorgio Maggiore ist ein eigenes Inselchen, das zwar an die Giudecca grenzt, jedoch nicht mit ihr verwechselt werden darf! Man erreicht sie von der Giudecca aus auch gar nicht zu Fuß; man muss ein Vaporetto oder ein Wassertaxi bemühen. Außerdem gehört San Giorgio Maggiore zum Sestiere San Marco, während die Guidecca in Dorsoduro liegt.

Ich weiß das alles, weil ich meinerzeit im chiostro des einstmaligen Klosters San Giorgio Maggiore an einem üppigen Empfang der Renaissance Society of America teilgenommen habe. Es gab Pinot Grigio und Merlot aus dem Veneto, Risotto, diverse Cicchetti.

Im Übrigen: Schauen Sie sich bei Ihrem nächsten Venedigbesuch einmal Niccolò Roccatagliatas San Giorgio an, der in der Basilica vor dem Chorgestühl steht. Ein lieblicher Jüngling, der mit einem Hündchen zu spielen scheint, anstatt einen nach Schwefel stinkenden Drachen zu töten. In der Lagune vielleicht mein liebstes Stück Kunst.

Nun denn, nichts für ungut und arrivederLa,

Ihres

Manuel Lorenz

Update: Mittlerweile hat DIE ZEIT mir geantwortet.

[Foto: Wiki Commons]

Dieser Beitrag wurde in Kunst, Presse, Welt, Wissen veröffentlicht und getaggt , , , , , , , , , , , , , , . Ein Lesezeichen auf das Permalink. setzen. Kommentieren oder einen Trackback hinterlassen: Trackback-URL.

Ein Kommentar

  1. Am 19/12/2012 um 22:39 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Leserbriefschreiber. Für dich wurde dieser Beruf erfunden.

    Korrigiere: Diese Berufung.

Ein Trackback

Einen Kommentar hinterlassen

Ihre E-Mail wird niemals veröffentlicht oder weitergegeben. Erforderliche Felder sind mit * markiert

*
*

Sie können diese HTML-Tags und -Attribute verwenden <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

css.php