Was über mein Erasmus-Jahr in Pisa, 2004/2005

Ich war 23, unschuldig und hatte mich für Pisa entschieden, weil das besser klang als Trento. Eigentlich wollte ich in jenem Jahr meinen ersten Roman schreiben. Aber daraus wurde nichts: Auf Seite drei merkte ich, dass ich dazu gar keine Zeit hatte. Ich musste nämlich raus, leben.

Ich schlief bis 13 Uhr, stand auf, ging in die Mensa, essen, trank Espresso auf der Piazza Dante, las die Repubblica, trank auf der Piazza delle Vettovaglie einen Apperitif, kochte Pasta, trank Wein, ging auf die Piazza Garibaldi, hing dort ab, holte mir im Bazeel einen Drink, bei Settimelli ein Bier, ging weiter in die Millibar, tanzte dort, bis sie mich rausschmissen, ging weiter in die Pikri Bar, versackte dort, bis sie dichtmachten, ging zurück auf die Piazza delle Vettovaglie, kaufte dort die erste Pizza des Tages, ging nachhause und legte mich schlafen.

Außerdem: Spanier, Portugiesen, Belgier, Franzosen, Griechen, Tschechen, Ungarn, Polen, Finnen, Briten, Iren, Deutsche.

Ich las Carlo Levi, schaute Fellini, hörte de Andrè. Ich reiste rum, lernte das Land kennen, erlernte die Sprache. Diskutierte mit Gott und der Welt über Gott und die Welt. Im Sommer fuhr ich oft ans Meer.

Manchmal besuchte ich eine Vorlesung. Eine betagte Professorin kannte einen meiner Freiburger Professoren, war begeistert von mir und lud mich zum Essen ein. Meine Kommilitonen machten sich über ihr Äußeres lustig; ich legte eine Prüfung bei ihr ab, es ging um Heilige im Mittelalter, und sie gab mir 30 von 30 Punkten. In der Institutsbibliothek fanden weder ich noch der Bibliothekar, was wir suchten. Zum Glück musste ich keine schriftliche Arbeit verfassen, sondern nur Tausende Seiten Handbuchwissen auswendig lernen.

Ich lernte eine Frau kennen, verliebte mich, dachte, es sei die große Liebe, betrog sie, verlor sie.

Vielleicht hätte ich für all das nicht nach Pisa gemusst. Ich befürchte aber, dann wär’ ich Derselbe geblieben. Der große räumliche und kulturelle Abstand war wichtig, um mein Experiment konsequent durchzuführen. Und heute unpathetisch sagen zu können: Erasmus war das wichtigste Jahr meines Lebens.

[Ursprünglich veröffentlicht auf fudder.de: Warum das EU-Austauschprogramm ‘Erasmus’ bleiben muss]

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