Irgendwas zum Tag der Deutschen Einheit

Irgendwas muss ich ja schreiben, zum Tag der Deutschen Einheit. Schließlich bin ich Journalist, sogar Blogger, da verlangen das die Leute von mir.

Mein Großvater hatte eine Mineralwasserfabrik und mehrere Kosmetiksalons in Ost-Berlin. Er wohnte  in Köpenick, und als alles losging mit Ost und West, konnte er seinen Mund nicht halten und saß drei Monate in Bautzen ein. Das reichte, um ihn aus der DDR zu ekeln, noch bevor die Mauer hochgezogen wurde. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion zog er zuerst nach Kreuzberg, dann ins hessische Hanau. Er ließ alles zurück, was er nach dem Krieg aufgebaut hatte, und fing noch mal bei Null an. Das war 1960. Mein Vater war damals zehn; 1986 zog meine Familie von Zürich, wohin es meine Eltern zwischenzeitlich verschlagen hatte und wo ich ich geboren bin, zurück nach Berlin, allerdings in den Westen.

Es hatte 1960 nicht die ganze Familie rübergemacht, und so hatten wir noch lange Verwandtschaft im Osten. Diese besuchten wir ab und zu, ich erinnere die Grenzüberfahrten, das war immer wie in einem Spionagefilm, einmal schmuggelte mein Onkel ein Buch von Ost nach West, ich war unheimlich aufgeregt, hatte jeden Augenblick Angst, er würde erwischt. In Ost-Berlin war alles trist und grau. Wenn ich heute Kafka lese: So empfand ich damals den Osten. Allenthalben bröckelte der Putz, überall roch es nach Braunkohle. Mich bestürtzte, dass es in der Spielwarenabteilung kein richtiges Lego gab. Den Bohneneintopf bei meiner Großtante musste ich mir immer herunterwürgen.

Als die Mauer fiel, war ich acht. Ich erinnere, dass meine große Schwester mit irgendwem an irgendeinen Grenzübergang fuhr, um zu feiern. Ich saß zu Hause und erlebte den Mauerfall erst mal nur im Fernseher.

Dann in der Schule. Maik kam zu uns in die Klasse. Und er wohnte in derselben Straße wie ich, weshalb wir uns befreundeten. Abgesehen davon, dass Maik sich mit “ai” schrieb und seine große Schwester Nancy hieß, deutete für mich nichts hin auf seine Herkunft aus dem Osten. Dass er mit seinen abstehenden Ohren und großen Augen aussah, als sei er einem Comic entsprungen, führte ich schon damals nicht auf seine östliche Provenienz zurück.

Für uns Westberliner Kinder und Jugendliche änderte sich eigentlich nichts. Es hatte uns auch vorher nicht in den Osten unserer Stadt gezogen, was sollten wir jetzt plötzlich dort? Einmal, das Hiphop-Fieber hatte gerade Besitz von uns genommen, war irgendwo im Osten eine Hiphop-Jam, also eine Veranstaltung, bei der aufgelegt, gerappt, gesprüht und gebreakdancet wurde. In Steglitz ging diesbezüglich nicht allzu viel, private Sessions in den Jugendzimmern derjeniger Freunde, die zwei Plattenspieler, ein Mikrofon und ein Mischpult besaßen, waren das Höchste der Gefühle. Und natürlich das Jugendhaus im Jungfernstieg, das uns hiphop-mäßig aber auch eher langweilte.

Der Weg zur Hiphop-Jam in Ost-Berlin war lang, beschwerlich und vor allem gefährlich. Wir waren anderthalb Stunden unterwegs, mussten ein paar Mal umsteigen, Bus, U-Bahn, S-Bahn, und scheißten uns auf einem der Bahnsteige vor einer Gruppe Neonazis in die Hose. Die gab’s bei uns im Westen nicht. Jedenfalls nicht so augenscheinlich. Endlich angekommen, merkten wir dann, dass wir uns im Datum vertan hatten. Und kehrten enttäuscht zurück in den Westen.

So richtig hab ich Ost-Berlin erst kennengelernt, als plötzlich alle nach Friedrichshain, Prenzlauer Berg und Mitte gezogen sind, also ungefähr in dem Moment, als ich selbst nach Freiburg gezogen bin.

Irgendwie seltsam.

[Foto: “Berlin wall” von Noud W.]

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