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Mein liebstes Autogramm

2003 lande ich zufällig in der Langen Nacht der Museen in Frankfurt. Manuel allein am Main. Ich mache, was man in einer Museumsnacht macht: Museen abklappern. Das Städel, das Römisch-Germanische, die Schirn. Irgendwann wird mir gewahr, dass es in Offenbach eine Graffiti-Ausstellung mit Live-Action gibt. Vor Ort, ein Idol meiner Jugend: der Münchner Sprüher Loomit.

Ich kenne all seine Bilder und weiß sogar, wie er aussieht: In der ersten Ausgabe des Hiphop-Magazins Backspin von 1994 ist ein Interview mit ihm – samt Foto. Klar: Mittlerweile sind neun Jahre vergangen. Aber irgendwie habe ich eine Ahnung, und letztlich werde ich ihn eh an seinem Gesprühten erkennen.

Eigentlich bin ich gar nicht mehr so into the scene. Ich habe mittlerweile andere Prioritäten, bin von Berlin nach Freiburg gezogen, studiere Geschichte und suche mein Glück in der Wissenschaft. Meine Graffiti-Vergangenheit liegt weit zurück. Aber dennoch: Ich bin nervös wie ein Teenie kurz vor einem Meet-and-Greet mit Justin Bieber. Wie sprech’ ich ihn an? „Hallo Loomit, ich bin … äh … war … ein großer Fan von dir“? Nenn’ ich ihn Loomit? Oder Mathias, wie er mit bürgerlichem Namen heißt? Oder siez ich ihn? Immerhin ist er 35 Jahre alt. „Herr Köhler? Entschuldigen Sie bitte: Ich bin … äh … also in meiner Jugend …“

Auf dem Innenhof der Galerie verdingt sich eine Handvoll Sprüher an ein paar Wänden. Schnell hab’ ich Loomit ausgemacht. Er sieht natürlich anders aus als in der Backspin von vor neun Jahren – zumindest sein Haar ist viel kürzer. Und er trägt Klamotten, die überhaupt nicht nacht Hiphop aussehen. Eine halbe Stunde lang stehe ich nur rum und glotze. Dann umkreise ich Loomit eine viertel Stunde lang, komme ihm immer näher – bis ich plötzlich neben ihm stehe.

Ich weiß nicht mehr, was ich gesagt habe. Ich weiß nur noch, dass er geantwortet hat: „Gib mir noch zehn Minuten, dann bin ich bei dir.“ Nach zehn Minuten war er dann tatsächlich bei mir. Er, Loomit, mein Jugend-Idol.

Ich bin total unvorbereitet und trage kein einziges Blatt Papier bei mir. Ich muss improvisieren und ziehe eine Hardcover-Ausgabe von Dostojewskijs „Idiot“ aus der Tasche. „Cooles Buch“, sagt Loomit. „Wie ist dein Name?“ – „Emir“, sage ich – mein damaliges Pseudonym. „Emir“, wiederholt Loomit und zückt einen schwarzen Stabilo Point 88. Dann legt er sich meinen Dostojewskij auf den Schoß, öffnet ihn und skizziert geduldig sein und mein Pseudonym in den Einband.

„Viel Spaß noch damit“, sagt Loomit und gibt mir das Buch zurück. „Danke“, sag ich. Und: „Tschüss.“ Und vollgepumpt mit Endorphinen kehr’ ich zurück in die Frankfurter Nacht.

[Dieser Text erschien ursprünglich auf fudder.de]

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