Ich klage an! Vom Materialismus des Neu-Berliners

Ich liebe Berlin. Mein Berlin, in dem ich den wichtigsten Teil meines Lebens, Kindheit und Jugend – der wegbestimmende Teil eines jeden Lebens -, verbracht habe, wichtige erste Erlebnisse, Sexdrugsrocknroll, alles zum ersten Mal, alles Berlinerisch, so richtig schön auf die Fresse, mein Berlin also: good old Lichterfelde-Ost. Damals dem Bezirk Steglitz untergeordnet, heute Steglitz-Zehlendorf. Ruhig, beschaulich, ein paar soziale Brennpunkte, hässliche Ecken, schöne Ecken, Eckkneipen, überhaupt: Ecken, Eck-alles.

Die Neu-Berliner kennen Lichterfelde-Ost nicht. Was sie kennen: Mitte, Friedrichshain. Prenzlauer Berg, Kreuzberg, wobei ihnen tierisch einer abgeht, wenn sie dazu F’-Hain, Prenzl-Berg und X-Berg sagen. Bald erobern sie auch den Wedding, Moabit und Neukölln. Aber nach Lichterfelde-Ost werden sie nie kommen, das ist ihnen zu wenig Brachland und erinnert sie zu sehr an ihre provinzielle Provenienz. Nur, und das werden sie nie verstehen: Das richtige Berlin ist provinziell.

Wenn ich sage, ich bin Berliner, und dann, ich sei in Lichterfelde-Ost aufgewachsen, schauen sie mich enttäuscht an. Berlin, das sind für Neu-Berliner die oben genannten Bezirke. Berlin, das ist für sie: Latte Macchiato, Astra-Bier, Späti, LSD-Viertel, Jute-Taschen, Popper-Frise, Bar25, Mama zahl. Berlin, das ist für sie ein Konglomerat aus Materie.

Für mich: die Grundschule unter den Kastanien, das Beethoven-Gymnasium, die Bahntrasse zwischen den jetzigen S-Bahnhöfen Osdorfer Straße, Lichterfelde-Ost und Lankwitz, die damals noch brach lag und nach der Schule verbotenerweise zu unserem Abenteuerspielplatz wurde. Berlin, das ist für mich: als 12-Jähriger nachts aus dem Fenster klettern, mit Sprühdosen im Rucksack und Scheiße in der Hose, in der Nachbarschaft und am Bahndamm meine ersten Tags und Pieces sprühen, von den Bullen aufgegabelt und freundlicherweise nur vorm Fenster meines Jugendzimmers und nicht bei meinen Eltern abgesetzt werden. Berlin, das ist für mich dreimal in der Woche zum Mehringdamm nach Kreuzberg ins Sportstudio Choi, Tea Kwon Do. Im Winter hatte ich immer Angst, weil es so früh dunkel wurde und der einen oder anderen Unterführung Jugend-Gangs auf mich warteten, die mich Mal ums Mal anmachten und ab und an auch abzogen. Berlin ist aber auch, dass wir im Gegenzug kleinkriminell durch Lankwitz rannten, Butterfly-Messer und Gasknarren in der Jackentasche, immer auf Stress und Randale aus. Süß, wir Berliner Kids. Der Ku’-Damm, das Marmorhaus, in dem heute ZARA seine Klamotten verkauft, wo damals aber ein Kino, nein: das Kino untergebracht war. Oder der Zoopalast, das andere Kino, Der mit dem Wolf tanzt, ich war erst 9 oder 10, der Film war ab 12, meine Kumpels haben mich reingeschmuggelt. Das Downstairs in der Yorkstraße, Kreuzberg/Schöneberg, wo wir mit schlotternden Knien unsere Sprühdosen und Graffiti-Magazine kauften, für 12 Mark unter den Tresen, nur um sie danach draußen abgezogen zu kriegen – die erste Ausgabe des Backspin-Magazins hüte ich heute noch wie eine Zimelie. Ach, Berlin. Das ist auch Dario, Nachbar, Sohn eines Eckkneipen-Besitzers, des Jägerecks. Vernachlässigt, verfaulte Zähne, Katzenfutter-Konsument. Oder Maik, der alte Ossi, der irgendwann nach der Wende in meine Klasse kam, aussah wie ‘ne Comic-Figur, aber trotzdem – oder gerade deshalb – mein Kompagnon wurde. Oder Stephan, mein All-Time-Best-Berlin-Friend, mit dem ich seit der Vorschule befreundet bin. Und all die anderen.

Das ist mein Berlin, nein: Das ist Berlin: Vergangenheit, Erlebnisse, Erinnerungen – Geist.

Ja, Berlin war auch immer eine Stadt der Hinzugezogenen. Schon immer gab es viele, die dort nicht geboren wurden, sondern irgendwann einfach hinzu kamen. Mein Vater ist zwar gebürtiger Berliner, meine Mutter aber nicht. Meine große Schwester ist in Würzburg geboren, ich selbst in Zürich. Den Berliner macht aber aus, dass er sich 1.) an die Stadt anpasst und 2.) daselbst sterben wird. Was dazwischen passiert, ist egal. Der Berliner glaubt, seine Stadt ist die beste und alles andere ist scheiße, lässt das aber nie raushängen, hat das nicht nötig. Wenn er’s mal raus schafft, kommt er schwärmerisch zurück. Das kann er ja, es steht ja nichts auf dem Spiel. Er muss sich nicht gegenüber Tübingen oder Freiburg absetzen. Er findet’s dort schön, aber nicht heimelig und ruhig genug.

Das ist Berlin, und nicht jenes Ost-Ampelmännchen, welches zum Exportschlager geworden ist.

To be continued …

Und, weil es thematisch gerade gut passt, im Folgenden eine schöne Karte, welche die Neu-Berliner Sichtweise Deutschlands verbildlicht (via):

Außerdem ein schöner Gruselfilm des Senders Freies Neukölln über die Gentrifizierung des Neuköllner Kiezes:

PS: Wer verdammt nochmal trinkt eigentlich noch Latte Macchiato?!

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4 Kommentare

  1. N. Lorenz
    Am 05/11/2010 um 17:08 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Und genau deswegen kehre ich auch immer wieder nach Berlin zurück <3

  2. Am 05/11/2010 um 17:16 Uhr veröffentlicht | Permalink

    jau, schwesterherz, und damit hast du verdammt recht :) und irgendwann wird’s mich sicherlich auch wieder an den geliebten strand des wannsees spühlen …

  3. Am 05/11/2010 um 18:25 Uhr veröffentlicht | Permalink

    gut gelacht. fortsetzung erwünscht!

  4. Fosi
    Am 06/11/2010 um 03:02 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Der Artikel ist richtig “Standbein-Spielbein”-mäßig. Love it!
    Die Karte ist der Hammer -> Bayern (gilt natürlich auch für Südtirol).

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