Integrier’ disch, Alta! Harris’ “Nur ein Augenblick”

Anstatt zu handeln, ziehen sich die Deutschen zurück. In ihren Vorort, ihre Doppelhaushälfte und ihr Wohnzimmer, an dessen Wände Kunstdrucke von Monet (“schön”), Dalí (“verrückt”) und Picasso (“anders”) hängen. In ihr Wohlstandsghetto aus schlechtem Geschmack, wo Politik nur am Stammtisch “gemacht” wird. Eigentlich, so heißt es dort, hat dieser Sarrazin Recht. Und eigentlich, so glaubt schon jeder 10. Deutsche, brauchen wir mal wieder einen Führer.

Die Deutschen. Wer ist das? Meine Großeltern mütterlicherseits wurden im 2. Weltkrieg aus Polen und Tschechien vertrieben. Klar, das war davor deutsch. Aber der eine oder andere Tropfen slavischen Bluts wird auch durch meine Adern fließen – das belegen schon ihre (slavischen) Nachnamen. Dennoch teile ich weder die Wertvorstellungen des slavischen noch die des germanischen Heidentums. Übrigens auch nicht die des Alten Testaments, der Patriarchen und Propheten, die allerorts die christlichen Kirchen zieren. Ich will nicht, dass Sabbat- und Ehebrecher gesteinigt werden. Ich finde auch, wenn jemand schwul ist, kann er ungescholten schwul bleiben. Und auf Massentierschlachtungen zur Vergebung meiner Sünden kann ich genauso gut verzichten wie auf die gewaltsame Ausrottung meiner Feinde. Ich will auch nicht, dass – um einmal das Neue Testament ins Gespräch zu bringen – die Frau in der Versammlung schweigt. Und: Nein, ich habe nicht dieselbe Wertvorstellung wie jene meiner Bluts-igitt!-brüder, die ihre Kinder jahrelang in Kellerverliese und ihre Babies ins Gefrierfach stecken. Übrigens auch nicht diejenige all derer, die sich zu Tode saufen und ihre Frauen schlagen und misshandeln. Nein, ich habe wahrscheinlich, um mit Kierkegard zu sprechen, meine eigene Wahrheit und meine eigenen Werte. Ich fahre Schwarz, gehe bei Rot über die Ampel und häufe kein Gold, äh, Geld an. Typisch undeutsch. Muss ich jetzt irgendwohin auswandern?  Ich hoffe nicht, denn ich mag es hier …

Fragen über Fragen.

Fakt ist: Erst holen wir sie uns rein, und wenn wir sie nicht mehr zu brauchen scheinen, jetzt, dürfen sie wieder gehen. Deutscher Pragmatismus. Nur: Wohin? Wo ist ihre Heimat, nach vier Jahrzehnten Berlin?

Für die Integration scheinen nur die Dönerbuden- und Gemüselädeninhaber selbst was zu tun. Siehe den Rapper Harris, dessen Song “Nur ein Augenblick” ein Plädoyer an alle Deutschen mit Migrationshintergrund ist, sich zu Deutschland zu bekennen (schlechtes Video, mäßige Beats, aber immerhin reimt sich der Text ab und zu). Und so sollten auch wir uns endlich zu Osman und Serap bekennen – so wie wir uns schon lange zu Giovanni und Paola bekennen, obwohl wir die Werte der Mafia nicht teilen.

Amen und Inschallah. Oder wie die Spanier und Portugiesen sagen: ojalá bzw. oxalá.

PS: Feridun Zaimoglu “irgendwann” für das ZEITmagazin

PPS: supermanuels “Integration auf Japanisch: Tornado Boyz’ ‘Ich bin Ausländer'”

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