Dan Berglund’s Tonbruket auf dem Between the Beats Jazz-Festival

Und plötzlich stellt es sich ein, das e.s.t.-Feeling. Jenes Gefühl, das ich habe, wenn ich die Musik des Esbjörn-Svensson-Trios höre. Das Trio gibt es nicht mehr – sein Mastermind und Pianist, Esbjörn Svensson eben, starb vor anderthalb Jahren bei einem Taucherunfall.

Ich bin auf dem Between the Beats Jazz-Festival in Denzlingen bei Freiburg, einer Kleinstadt, die ich vorher nicht einmal buchstabieren konnte. Die Veranstaltung findet im Kultur- und Bürgerhaus statt,  einem kleinen Wunder, das vor einer handvoll Jahren gebaut worden ist. Die übliche, muffige Bezeichnung passt ganz und gar nicht auf das Gebäude: Von außen sieht es aus wie die Zukunft, von innen wie angenehme, state-of-the-art-Gegenwart.

Auf der Bühne des großes Saals sitzt Dan Berglund, der vormalige Bassist von e.s.t. Er sieht aus wie ein skandinavischer Metzger – aber anstelle von 500 Gramm Elch-Geschnetzeltem tischt er hintersinnige Bass-Linien und eingängig Melodien auf. Begleitet wird er von seiner Tonbruket – Keys, Strings und Drums also. Unglaublich, wie prägnant Berglunds Corporate Sound ist. Vom ersten Pizzicato an weiß man, es ist Berglund. Kein Zweifel. Lass mir 100 Bassisten ein Jazz-Standard begleiten – ich hör dir todsicher Berglund raus.

Wie e.s.t. changiert das Quartett zwischen großer, tiefgründiger Melancholie, schrillem, wahnsinnigem Exzess und psychedelischem, to-the-point-Gewabere. Und das zumeist innert eines Stückes! Das Konzert ist ein Trip. Ganz so, als ob der herzzerreißende Song for E nicht auf Esbjörn sondern auf Extasy gemünzt wäre. Klar, bei Vorbildern wie Yes, Radiohead und Deep Purple geht’s progressiv rockig zu. Außerdem: ein Schuss Scandy-Folk und eine Prise good ol’ Country. Dan Berglund’s Tonbruket klingt dabei aber nie epigonenhaft, immer originär, und produziert Gefühle am Fließband, die nicht nach Massenware schmecken.

Der massige Berglund – nomen est omen -, der die Kombo trotz seiner Unbewegtheit sicher zusammenhält, wird von drei nicht weniger interessanten Charakteren begleitet. An den Keys ein Tourmusiker, der aussieht, als sei er gerade hinter dem Schalter der Kreis-Sparkasse hervorgekrochen, an den Strings Johan Lindström, der optisch gekonnt auf Hobo macht und ein Tour-Drummer, der Ringo Starr wie eine Wachsfigur aus Madame Tussauds aussehen lässt.

Ich glaube es ist bei Cold Blooded Music – Berglund streicht gerade mit dem Bogen über die Seiten seines Kontrabasses -, als mir Tränen kommen. Der Song wird in der Mitte mit seiner aufheulenden Gitarre ein bisschen kitschig und dramatisch. Aber das arco-Spiel zu Anfang versöhnt mich auf stille, traurige Weise mit der Welt. Auf einmal scheint alles nichtig. Und gleichzeitig alles okay. So als ob mir jemand sagen will: Ja, ich weiß, es ist schlimm. Aber glaub mir, alles wird gut. Irgendwie, irgendwo, irgendwann.

Between the Beats: Vielen Dank für diesen Augenblick und für euer vorbildliches Engagement.

(Foto: www.flashpointstudio.de)

PS: Andere Kritiken, Videos und Bilder findet ihr hier.

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