Die Jugend von heute: Rebellion gegen die Rebellion


Früher war alles besser – zumindest die Jugend. Seit dem Ende des 2. Weltkriegs folgte eine Jugendkultur der anderen, von Rocknroll über die Hippies und Punks bis hin zu Hiphop und den Ravern, und natürlich alles, was dazwischen und währenddessen noch so passierte. Jugend bedeutete, aufzubegehren, zu rebellieren. Nicht ans Morgen zu denken, zu handeln, ohne die Konsequenzen abzuwägen. Unvernünftig zu sein. Ein Gegengewicht darzustellen, zur bausparverträglichkeit seiner Eltern. Unter dem Wort “Risiko” nur die deutsche Übersetzung der Thrash-Metal-Band Risk zu verstehen. Gegen alles und jeden zu demonstrieren. Musik grundsätzlich zu laut zu hören. Zu viel zu rauchen und zu viel zu trinken. Nicht nur legale Drogen zu konsumieren – und nicht nur die vom Dealer empfohlene Maximaldosis. Auf sexuelle Entdeckungsreisen zu gehen. Per Anhalter oder InterRail durch Europa landzustreichen. Und irgendwann, ja: irgendwann, zu werden wie die eigenen Eltern.

Ach, aber die Jugend von heute. Schlimm. Verkommen. Zur Vernunft. Zum Sinn. (Mein lieber Freund Jean Castorp beklagte dies bereits.) Symptomatisch dafür ist der Aufstieg der Nerd-Brille zum Mode-Accessoire – des Strebers also zum It-Boy. Das Problem ist 1.), dass es kaum mehr eine Generation gibt, die nicht mit Rocknroll aufgewachsen ist – selbst Großeltern können sich mittlerweile in das jugendliche Aufbegehren hineinversetzen, so dass dieses kaum mehr Sinn macht (Vernunft der aktuellen Jugendlichen also als Rebellion gegen die Unvernunft der Eltern während deren Jugend); 2.) wird es zu einer Phasenverschiebung kommen: Die Vernunftjugend wird sich irgendwann später ihre Hörner abstoßen, mit Mitte 30 aufwachen, erst ihre Kinder vernachlässigen, dann regelmäßig fremd gehen, sich dann scheiden lassen, den Job kündigen und alles Hab und Gut verkaufen, nach Indien, sich dort die Birne wegkiffen und irgendwelchen Gurus nachrennen und soweiter und so fort. Man wird eine neue Grundform der Alterspyramide einführen müssen, die sogenannte Sanduhr: Viele Junge, viele Alte, wenig Mittelalte.

Ich hab keine Ahnung, was das soziologisch bedeutet. Vielleicht ist das OK so. Die Gesellschaft hat sich schon immer verändert und wir befinden uns in einer historischen Sondersituation, einer extrem langen Periode friedlichen, materiellen Wohlstands. Das kann sich alles von heute auf morgen wieder ändern, so dass wir wieder mit Sokrates sagen werden können: “Die Jugend von heute liebt den Luxus, hat schlechte Manieren und verachtet die Autorität. Sie widersprechen ihren Eltern, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer.”

Bis dahin sei der Jugend folgender Nietzsche’sche Satz mitgegeben: “Fast überall wo es Glück gibt, gibt es Freude am Unsinn.”

Medienrauschen:
“Studie zur Jugendkultur: Generation Biedermeier” (von Elisabeth Dostert, Süddeutsche Zeitung, 11.09.2010)
“Guttenberg & Co: Jung und morsch” (von Jana Hensel, ZEITmagazin, 12.08.2010, Nr. 33)
“Streit der Woche: Hat die Jugend noch eine Jugend?” (von Florian Naumann, die tageszeitung, 07.09.2010)
“Streit der Woche: Die Diktatur des Lebenslaufes” (von Florian Naumann, die tageszeitung, 10.09.2010)
– Am 14. September werden die Ergebnisse der Shell Jugendstudie 2010 präsentiert
– [Zur letzten Shell Jugendstudie] “Mensch, Alter: Die neue Shell-Jugendstudie zeigt eine Generation, die Gründe hat zu rebellieren – aber nicht will” (von Susanne Gaschke, ZEIT, 21.09.2006)

English abstract: Teenagers (at least in Germany) don’t rebell anymore. They are reasonable and more cautious about life than even their grandparents! Some thoughts of mine about this tragedy and links to recent articles concerning this phenomenom.

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